Ostkreuz-Geschichte zum Nachschlagen

Im Buch „Mythos Ostkreuz“ stecken 14 Monate Arbeit und jede Menge Archiv-Recherche

Sven Heinemann ist Ostkreuz-Fan und -kenner. Am liebsten betrachtet er es von der Kynaststraße aus, mit Blick auf den Wasserturm. „Vor allem, wenn ein besonderer Zug vorbeikommt“, sagt er. Für Dampfloks hat das Mitglied des Berliner Abgeordnetenhauses besonders viel übrig, und jedes Mal, wenn er weiß, dass ein historischer Zug Halt macht, versucht er, vor Ort zu sein. So etwas gibt dem heute sehr modernen Ort einen geschichtlichen Kontext, und für die Geschichte des Eisenbahn-Knotenpunkts interessiert sich Heinemann so sehr, dass er nun zusammen mit dem Fotografen Burkhard Wollny ein Buch über den Bahnhof veröffentlicht hat. Eines, das man durchaus als Nachschlagewerk für alles Wissenswerte rund um die Geschichte des Bahnhofs und seines Umfelds bezeichnen kann. Zweieinhalb Kilogramm schwer und mehr als 270 Seiten stark ist das Buch „Mythos Ostkreuz“, in das die beiden Autoren viel Arbeit gesteckt haben.

Erstaunlicher Wandel

Die Südkurve mit Wasserturm in den 1990er-Jahren. (Bild: Burkhard Wollny)

Die Vorläufer-Bahnhöfe des großen Eisenbahnknotens waren einst bescheidene Stationen, die noch nicht einmal zu Berlin gehörten. Wie sich diese Wandlung vollzogen hat, lässt sich mit Hilfe des Buches gut nachvollziehen. Dabei wird man nicht von ausschweifenden wissenschaftlichen Texten erschlagen, sondern bekommt neben verständlichen Beschreibungen jede Menge historische und aktuelle Fotos zu sehen, die sie aus Archiven gekramt, von Privatleuten erhalten oder auf Flohmärkten gefunden haben.

Neue Erkenntnisse

Rund 14 Monate lang haben Heinemann und Wollny daran gearbeitet und dabei auch jede Menge Geschichten und Informationen ausgegraben, die selbst Heinemann noch nicht kannte. Die über den Wasserturm, zum Beispiel. Der, so wurde allgemein angenommen, sei 1912 fertiggestellt worden. Heinemann hat ihn jedoch in einem Foto einer Fachzeitschrift für Elektrotechniker aus dem Jahr 1911 entdeckt – komplett fertiggestellt. Er ist also ein Jahr älter. Wie wichtig das Ostkreuz nicht nur für Berlin, sondern für das ganze Land schon früher war, zeigt eine weitere Anekdote aus Heinemanns Wissensschatz: Einst wurden alle Bahnhofsuhren nach dem Ostkreuz gestellt: „Der Zeitdienst hat von hier aus per Morsezeichen die Zeit übermittelt“, berichtet er.

Erinnerungen wachhalten

Seit 18 Jahren lebt der Eisenbahn-Fan Sven Heinemann nun in der Nähe des Bahnhofs, und seit zehn Jahren engagiert er sich beim Runden Tisch Ostkreuz, der den großen Umbau mitbegleitet hat. Die Erinnerung an das alte Ostkreuz gerade jetzt wach zu halten, erscheint wichtiger denn je, da mit dem Ende des großen, zwölf Jahre langen Umbaus viele Spuren der Geschichte endgültig verschwunden sind und Erinnerungen zu verblassen drohen. Erinnerungen an den alten Bahnsteig A, zum Beispiel, der erst 2009 außer Betrieb genommen wurde, bis dahin aber 127 Jahre in Betrieb war. Dort befand sich außerdem viele Jahre lang ein bekannter Obststand. Fünf Jahre später, in 2014, ging der Bahnsteig E außer Betrieb, nach 112 Jahren Betrieb. Bahnhofs-Fans schätzten ihn besonders als guten Ort für gelungene Aufnahmen. Andere nutzten gern den kleinen Blumenladen im Bahnsteighäuschen. Auf die Geschichte des Bahnhofs als Filmschauplatz geht das Buch ebenso ein wie auf die DDR-Vergangenheit, den Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg – und auf die Situation nach dem Umbau.

Wer sich für Eisenbahn- oder Heimatgeschichte interessiert, für den ist das Buch ein spannender und lehrreicher Exkurs, der sich dank zahlreicher Rückblicke in die Vergangenheit zum Informieren bestens eignet – dank seiner umfangreichen und gelungen ausgewählter Bilder, die zum Teil erstmals veröffentlicht werden, aber auch Stimmungen vermittelt und zum Staunen wie zum Erinnern einlädt. Das Buch „Mythos Ostkreuz“ ist in der VGB-Verlagsgruppe erschienen und kostet 39,95 Euro. Mit dem Erlös wird der Verein „Historische S-Bahn“ unterstützt.

Text: Oliver Schlappat,Titelbild: Sven Heinemann