Biologische Vielfalt

Jüdischer Friedhof in Weißensee ist offizielles UN-Projekt

Der Jüdische Friedhof Weißensee ist mit einer Größe von 42 Hektar und mit mehr als 116.000 Begräbnissen der größte noch praktizierende jüdische Friedhof Europas. Er ist ein Ort des Erinnerns und gleichzeitig ein herausragendes Kulturdenkmal. Nicht zuletzt stellt er einen Lebensraum mit hoher biologischer Vielfalt dar. Mit dem Ziel, diese biologische Vielfalt zu erforschen und zu bewahren, hat die TU Berlin mit Unterstützung der Jüdischen Gemeinde zu Berlin ein Konzept entwickelt, das nun als offizielles Projekt der „UN-Dekade Biologische Vielfalt“ ausgezeichnet wurde.

Historische Akten

Die Wissenschaftler untersuchten dabei zunächst den Bestand an Gefäßpflanzen, Moosen, Flechten, Vögeln, Fledermäusen, Laufkäfern und Spinnentieren. Da die Pflanzenwelt des Friedhofs durch die jahrzehntelange Nutzung kulturell stark überprägt ist, wurde neben einer flächendeckenden Kartierung der Gehölze auch die Bedeutung bestimmter Arten als Teile des Gartendenkmals oder als Kulturrelikte (zum Beispiel Alleebäume, Grabgehölze, krautige Zierpflanzen) herausgearbeitet.

So konnte durch die Auswertung historischer Pflegeakten gezeigt werden, dass ein bedeutender Anteil der originalen Gehölzpflanzungen noch erhalten ist. Die historischen Veränderungen des Alleebaumbestands wurden ebenso dokumentiert wie die für die Biodiversität wertvollen Strukturen wie Höhlen und Totholz. Die Daten sind eine wesentliche Grundlage für ein Baumkataster des Friedhofs, mit dessen Hilfe die wachsenden Anforderungen an die Pflege bewältigt werden können.

Schützende Funktion

Die Ergebnisse der Kartierung unterstreichen die große Bedeutung des Friedhofs für die biologische Vielfalt. Mit 363 wildwachsenden Gefäßpflanzenarten ist der Friedhof überdurchschnittlich artenreich. Grabsteine aus porösen Materialien sind Wuchsorte für bedeutende Gesteinsflechten und –moose, die bei Restaurierungsarbeiten erhalten werden sollten und darüber hinaus auch eine schützende Funktion für die Grabsteinsubstanz besitzen können. Unter den Brutvögeln stellen unter anderem Baum- und Buschbrüter sowie Höhlen- und Nischenbrüter einen bedeutenden Anteil seltener und streng geschützter Arten.

Altbäume, dichtes Unterholz und Höhlenbäume sind wichtige Lebensräume für diese Arten, die bei Pflegemaßnahmen erhalten werden sollten. Auch Fledermäuse profitieren von diesem Biotop. Sie sind auf dem Friedhof mit fünf Arten vertreten.

Herausragende Substanz

In Abstimmung mit der Jüdischen Gemeinde und Akteuren der Denkmalpflege und des Naturschutzes wurde ein Pflege-Konzept erarbeitet. Hierbei sollte der Friedhof als Ort der Erinnerung und jüdischer Kultur, die herausragende Denkmalsubstanz der Grabmale und Gebäude, die als Gartendenkmal geschützte Gesamtanlage und die Vielfalt der auf dem Friedhof vorkommenden Arten und Lebensgemeinschaften geschützt und erhalten werden. Die Maßnahmenkonzentrieren sich auf die Erhaltung beziehungsweise Entwicklung eines Mosaiks naturnaher und parkartiger Gehölzbestände, aber auch auf die Erhaltung von Grabgehölzen, Friedhofsalleen, Friedhofswiesen oder bewachsenen Friedhofsmauern.

Text: Manfred Wolf Bild: imago / Jürgen Ritter