Berliner entscheiden sich für Fluglärm im Norden

Eine Mehrzahl der Hauptstädter sprach sich für Erhalt des Airports Tegel aus – was das für Folgen hat.

Reinickendorf

Eigentlich hatten die Reinickendorfer bereits  im Jahr 2012 die Schließung des Flughafens auf dem Zettel. Gespannt beobachteten viele Nachbarn in den Ortsteilen rings um den Flughafen und Rollfeld, wie sich die neue Bezirksregion entwickeln könnte.  Jetzt – fünf Jahre später – gerät durch den Lärm startender und landender Flugzeuge am Kurt-Schumacher-Platz noch immer jedes Gespräch zur Nervenprobe. Kein Wunder dass die Mehrheit gerade über den vom Fluglärm betroffenen Ortsteilen gegen den Volksentscheid zur Offenhaltung des  Flughafens Tegel  gestimmt hat. Damit jedoch gehörten sie selbst im von Flug- und anderem Lärm geplagten Reinickendorf zur Minderheit, die den Flughafenbefürwortern mit 35,1 zu 63,7 Prozent  im Bezirk unterlag.

Wedding & Tiergarten

Seit rund fünf Jahren warten auch viele Weddinger auf die Eröffnung des neuen Berliner Flughafens BER. Denn nicht nur in Tegel und Reinickendorf sind die Flugzeuge, die im Minutentakt in Tegel landen und starten, zu hören. Auch in vielen Teilen Weddings sind Anwohner vom Fluglärm betroffen. Wer im Sommer das nahegelegene Freiluftkino in der Rehberge besucht, muss alle paar Minuten ganz genau hinhören, um dem Film trotz Fluglärm folgen zu können. Natürlich gibt es auch viele im Bezirk, die die Nähe zum Flughafen zu schätzen wissen. So lässt sich wohl auch das Wahlergebnis erklären. Selbst im Afrikanischen Viertel stimmten rund 55 bis 59 Prozent für den Erhalt des Flughafens in Tegel.   Auch hier gibt es Kieze, die sich gegen Tegel positioniert haben, so auch rund um den Leopoldplatz und die Pank- und Badstrasse.

Spandau

Als im Mai 2012 der neugestaltete Lutherplatz in der Spandauer Vorstadt an seine künftigen Nutzer übergeben wurde, freuten sich diese  nicht nur über neue Bänke und die Möglichkeit, hier Boule spielen  zu können. Was die Anwohner noch viel mehr in Vorfreude versetzte, war der Umstand, dass mit der Schließung des nahen Flughafens Tegel bald nur noch Kinderlachen und -geschrei die Stadt-Idylle bereichert. Bekanntlich kam es anders: Bis heute donnern an- und abfliegende Maschinen über den Platz hinweg und machen normale Unterhaltungen unmöglich. Kein Wunder, dass die Mehrheit der Einwohner der Spandauer Neustadt und der umliegenden Kieze gegen die Weiterbetrieb Tegels gestimmt hat. Und damit auch im eigenen Bezirk in der Minderheit war. 56,9 zu 41,7 lautete in Spandau das Verhältnis von Tegel-Fans zu den Ablehnern eines Weiterbetriebs.

Pankow, Prenzlauer Berg & Weißensee

Rings um den Bürgerpark entstanden in den vergangenen Jahren viele neue Häuser mit Eigentums- und Mietwohnungen. Kein Wunder, versprach doch der nahe Park nicht nur Grünblick und eine natürliche Sauerstoffdusche mitten in der Stadt, sondern spätestens mit der nahen Schließung des Flughafens Tegel auch paradiesische Ruhe. Doch immer noch gerät durch den Lärm startender und landender Flugzeuge jedes Gespräch zur Nervenprobe, wird vom Krach der Turbinen jedes Kindergeschrei locker übertönt. Da verwundert es nicht,  dass nicht nur die  Bürgerpark-Anwohner, sondern  die Mehrheit der Pankower gegen den Volksentscheid zur Offenhaltung Tegel  gestimmt hat. Damit jedoch gehörten sie in Berlin zur Minderheit, die den Flughafenbefürwortern mit 56,9 zu 41,1 Prozent unterlag.

Erforderliche Maßnahmen

Der Tower ist das weithin sichtbare Wahrzeichen Tegels

Von 2,5 Millionen Wahlberechtigten stimmten 991.832 Berliner für, 737.216 gegen die Offenhaltung Tegels. Nur in drei von zwölf Bezirken – Pankow, Kreuzberg-Friedrichshain und Lichtenberg – lag die Mehrheit bei den Ablehnern. Mit diesem Ergebnis ist der Senat nun aufgefordert, die Schließung des Flughafens Berlin-Tegel „Otto Lilienthal“ nach der BER-Eröffnung aufzugeben. Die Berliner Senatspolitiker sollen „alle Maßnahmen einleiten, die erforderlich sind, um den unbefristeten Fortbetrieb des Flughafens Tegel als Verkehrsflughafen zu sichern“, heißt es in dem Volksbegehren.

Berlins Regierender Bürgermeister, Michael Müller (SPD), sprach im rbb davon, dass das Ergebnis für ihn persönlich keine „schöne Situation“ sei. Er müsse nun die anderen Gesellschafter – das Land Brandenburg und der Bund – fragen, ob diese bereit seien, „ihre Positionen der letzten 20 Jahre zu ändern und einen neuen Weg zu gehen, der juristisch und finanziell abenteuerlich ist“, erklärte Bürgermeister Müller.

Kosten steigen

Für die weitere Entwicklung des 495 Hektar großen Flughafengeländes beginnt jetzt eine Hängepartie mit den üblichen Folgen. Denn die Kosten für den geplanten Forschungs- und Industriepark, für das Quartier mit 5.000 Wohnungen und den Umbau des sechseckigen Abfertigungsgebäudes zum neuen Standort der Beuth-Hochschule werden mit jedem Monat, den nichts entschieden wird, steigen. Hinzu kommt, dass nach Ansicht des Flughafenchefs Engelbert Lütke-Daldrup der bei einem Weiterbetrieb notwendige Betrag für eine Grundsanierung mehr als eine Milliarde Euro betragen würde. Außerdem wären bei einem Doppelbetrieb bis zu 200 Millionen Euro im Jahr an Betriebskosten fällig. Gestritten wird auch, was den Schallschutz betrifft. Während die Tegel-Befürworter von geringen Schallschutzansprüchen sprechen (gut 108 Millionen Euro), würde nach Rechnung der Flughafeneigentümer der Weiterbetrieb in dieser Hinsicht „zu horrenden Kosten führen“.

Andere Entscheidung

Rein rechtlich sehen die Tegel-Fans gute Chancen: Laut Gutachten des Deutschen Bundestages wäre eine Offenhaltung Tegels möglich, wenn Bund, Brandenburg und Berlin zustimmen würden. Was einst politisch entschieden wurde, könne auch politisch zurückgenommen und anders entschieden werden.

Manfred Wolf, Bilder: Imago / Jürgen Ritter