Gedenkstätte in guten Händen

Gedenkstätte endlich übernommen.

Der ehemalige DDR-Wachturm an der Kieler Straße in Mitte: Seit Ende der 1990er- Jahre ist er umzingelt von Wohnhäusern. Davor stand der Betonklotz auf freiem Feld, mit freiem Blick auf ein monströses Mauerwerk, den Spandauer Schifffahrtskanal und rüber auf das freie West-Berlin. Einer von einst 32 Kommandotürmen, von denen noch vier erhalten sind. Mit ihrer Hilfe überwachte die DDR bis 1989 die 155 Kilometer lange Mauer um den Westteil der Stadt.

Ungläubiges Staunen

Marcel Zierenberg, Stadtführer im Auftrag der Berliner-Mauer-Stiftung, steht am Turm und erzählt die tragische Geschichte der Ost-West-Berliner Familie Litfin. Ein Drama, das am 13. August 1961 begann: Nachts zuvor waren die Brüder Günter und Jürgen von einer Familienfeier aus Charlottenburg nach Weißensee heimgekehrt. Sie hatten nicht bemerkt, dass in derselben Nacht der Westteil abgeriegelt wurde.

Ein ehemaliger Wachturm als beeindruckende Gedenkstätte

Günter wollte zurück, er arbeitete als Schneider am Bahnhof Zoo. Doch inzwischen war die Grenze dicht. Am 24. August 1961 entschloss er sich, durch den Humboldthafen auf die Westberliner Seite zu schwimmen. Transportpolizisten entdeckten ihn und erschossen den 24-Jährigen. Günter Litfin war der erste ermordete Flüchtling an der Mauer. „Nach ihm ist der Turm benannt“, sagt Zierenberg. „Eine Gedenkstätte für ihn und eine Mahnung an alle, Diktatur und Unrecht niemals wieder zuzulassen.“

Großer Schmerz

Jürgen Litfin, voller Schmerz, Trauer und Wut über den gewaltsamen Tod des Bruders, Stasi-verfolgt, ein Jahr in Bautzen eingesperrt, 1981 schließlich in den Westen freigekauft, hatte den Turm vor Abriss und Verfall gerettet. Aus privaten und Spendenmitteln baute er ihn zum authentischen Erinnerungsort an den Bruder und die anderen 139 Todesopfer an der Berliner Mauer aus.

Seit 2002 saß Jürgen Litfin mehrmals die Woche vor seinem Turm. Doch nach 15 Jahren fordert das Alter seinen Tribut: Ende August übergab der heute 77-Jährige sein Lebenswerk der Stiftung Berliner Mauer. Bei allem Abschiedsschmerz weiß er, dass die „Gedenkstätte Günter Litfin“ in gute Hände kommt. Stiftungs-Direktor Axel Klausmeier verspricht: „Wir wollen diesen besonderen Gedenkort erklären, möglichst vielen Menschen zugänglich machen und werden regelmäßig Führungen anbieten.“

Weitere Infos

Jürgen Zweigert, Bilder: A. StirchB, Jürgen Zweigert