In Westend nichts Neues

Bauvorhaben: Mieter fordern Klarheit über den Abriss ihrer Wohnhäuser.

Klar wollen wir in unseren Wohnungen bleiben und ihren Abriss mit allen Mitteln verhindern.“ Steffen Unger von der Bürgerinitiative „Siedlung Westend“ bringt auf den Punkt, was Anwohner seit Jahren verunsichert: Ihre Häuser sollen Neubauten weichen. Anstelle der jetzt rund 200 Wohnungen werden es dann mehr als 600 sein. So will es das Immobilienunternehmen Deutsche Wohnen, seit zehn Jahren Besitzer des ehemaligen Alliiertengeländes zwischen Dickens- und Scottweg nahe dem Olympiastadion. Endgültig entschieden ist noch nichts. Die Baupläne müssen weiter präzisiert, alles muss auf Verträglichkeit geprüft werden. Vor Sommer 2018 wird es wohl keine Baugenehmigung geben.

Plausible Konzepte

Indessen wird weiter um erträgliche Lösungen gestritten. Die BVV Charlottenburg-Wilmersdorf hatte die Einigung mit den Mietern zur Bedingung für Abriss und Neubau gemacht. „Ohne ihr Einverständnis läuft nichts“, versichert Susanne Klose, Vorsitzende des Ausschusses für Stadtentwicklung. „Der Ball liegt bei der Deutsche Wohnen. Sie muss plausible Konzepte vorlegen, wie sie den verdreifachten Zuwachs an Wohnungen, an Menschen, an Verkehr infrastrukturell verträglich gestalten will. Was bisher vorliegt, reicht uns nicht.“ Auch brauche man endlich Gewissheit zu klaren Mietkalkulationen und wie der 25-prozentige Anteil preisgebundener Wohnungen gesichert werde. Hier halte sich das Unternehmen nach wie vor bedeckt. Klose: „Wir beharren auf einer öffentlichen, transparenten Planung, die die Interessen der Bestandsmieter schützt.“ Doch auch die von der BVV initiierte Mieterversammlung mit dem Bezirksamt und Vertretern der Deutsche Wohnen brachte erneut keine Klarheit,. „Ganz im Gegenteil“, sagt Unger. „Im Westend nichts Neues. Wir sind enttäuscht und weiterhin verunsichert über die vagen Aussagen aller Beteiligten. Wir müssen schon genauer wissen, was uns erwartet. Und wir lassen uns auch nicht mit umstrittenen Sozialplänen und Einzelgesprächen auseinander dividieren.“

Nicht sanierbar

Für die Deutsche Wohnen sind Abriss und Neubau nicht mehr verhandelbar. „Wir haben nachgewiesen, dass die in den 50er-Jahren billig erbauten Häuser praktisch unsanierbar sind“, sagt Unternehmenssprecherin Manuela Damianakis. Keine Wärmedämmung, eine verheerende Energiebilanz, Schimmel allerorten – dies seien nur einige Gründe dafür. Man plane keine Luxussiedlung, sondern errichte auf den Grundflächen der abrissreifen Flachbauten drei- bis vierstöckige Häuser; dies auch, um den gewachsenen Baumbestand weitgehend zu schützen. Das Projekt sei eine berlintypische Nachverdichtung für die wachsende Stadt. Die Bestandsmieter wolle man zu den bisherigen Mieten halten. Für Neumieter gelten die ortsüblichen Konditionen. Genaueres zur Höhe oder zum Anteil an Sozialwohnungen sagt sie nicht, betont aber: „Das Gesamtprojekt muss sich tragen.“ Damianakis rechnet im Herbst mit der öffentlichen Aussprache, hofft, dass im Winter die Plausibilitätsprüfungen durch sind und nach BVV-Beschlussfassung zur Bauplanung im ersten Quartal 2018  im Sommer die Baugenehmigung vorliegt. Die FDP-Fraktion in der BVV zeigt Verständnis für die Verunsicherung der Mieter und fordert Bezirk und Deutsche Wohnen auf, zügig zu einem Abschluss des Bauvorhabens zu kommen. „Die explodierenden Mietpreise lassen sich nur durch Wohnungsbau in den Griff bekommen“, erklärt der stellvertrende Fraktionsvorsitzende Felix Recke.

Jürgen Zweigert, Bild: Steffen Unger