In der „Schlange“ wohnt der Frust

Mieter klagen über Müllgestank und Verfall in dem Wohnkomplex.

Christine Wußmann-Nergiz ist das „enfant terrible“ in der „Schlange“, jedenfalls aus Sicht ihres Vermieters – konsequent aufmüpfig, entschlossen bürgernah, in der „Mieterinitiative“ engagiert für ein gesundes Wohnumfeld. Die 66-Jährige, Innenarchitektin von Beruf, kennt sich bestens aus mit allem, was das erträgliche Miteinander und eine gute Nachbarschaft in der ebenso gewaltigen wie architektonisch eindrucksvollen Wohnmaschine Schlangenbader Straße betrifft: Auf einer Länge von 600 Metern überspannt das fast 50 Meter hohe, sanft geschwungene Hauptgebäude den Tunnel der A 104. Es beherbergt gut 1.100 Wohnungen, nochmals 700 gibt es in den Randbebauungen. Eine „Kleinstadt am Stück“, von der Eigentümerin – der landeseigenen Degewo – auch gern als „grüne Wohlfühloase über der Autobahn“ bezeichnet.

Müllschlucker fehlen

„Ha, das ist sie längst nicht mehr“, stellt Wußmann-Nergiz klar. Vielmehr verfestige sich bei ihr und vielen Mietern der Eindruck, dass das Wohnungsunternehmen den Komplex am Rande des Rheingauviertels zunehmend verfallen lasse. „Da werden Flure nicht mehr gemacht, offensichtlich wird auch an Sicherheitskräften gespart, das Müllproblem wabert weiter über der Anlage“, sagt sie.

Überhaupt – der Müll: Er war der Auslöser allen Streits mit der Degewo. Bis 2015 existierten Müllschlucker auf allen Etagen. Der Abfall, immerhin zwei bis drei Tonnen täglich, wurde unterirdisch in ein zentrales Sammellager am Breitenbachplatz gepumpt. Komfortabel, eine saubere Sache. Allerdings auch teuer in der Unterhaltung und zu teuer die notwendige Sanierung nach 30-jährigem Betrieb. Mit dieser Begründung kündigte die BSR den Vertrag. Die Proteste der Anwohner und der „Mieterinitiative“ blieben erfolglos. Die Müllschlucker sind weg, viele haben nun weite Wege zu den Containerplätzen.

BSR-Wagen nerven

„Jetzt kurven wöchentlich 36 BSR-Fahrzeuge durch die grünen Innenhöfe, vorbei an Spielplätzen, rangieren piepend und lärmend an den Müllcontainern“, empört sich Wußmann-Nergiz. Einen Lärmpegel von 80 Dezibel habe sie gemessen, ganz zu schweigen vom Feinstaub. Mitunter sei der Gestank unerträglich. Deswegen streitet sie weiter mit der Degewo um eine Lösung.

Auch Andreas Förster von der FDP-Fraktion im Abgeordnetenhaus ist skeptisch hinsichtlich der Zukunft der „Schlange“. Er fragte beim Senat an, ob die Degewo den Wohnkomplex „mutwillig verfallen“ lasse. Keineswegs, heißt es. Man sei sich „der besonderen städtebaulichen Bedeutung der Wohnbebauung bewusst und lege viel Wert auf deren Erhaltung. Das Gebäude befindet sich in einem dem Baualter entsprechenden Zustand“. Seit 2011 wurden die Instandhaltungsmittel verdoppelt. Einzelne Bauteile, Aufzüge und Hausanschlussanlagen seien erneuert, asbestbelastete Wohnungen saniert worden. Aktuell prüfe man, wie der teilweise vermoosten Fassade an den terrassenförmig abgestuften Abschnitten am besten beizukommen ist.

Aber es muss wohl deutlich mehr geschehen, um die Wohnqualität in dem 40-jährigen Bauwerk zu sichern. Dafür muss es vielleicht nicht unter Denkmalschutz gestellt werden, wie beispielsweise von der „Mieterinitiative“ gefordert, doch Berlin und die Degewo müssen aus Sicht der Bewohner endlich die nötigen Mittel in die Hand nehmen.

Jürgen Zweigert,  Bild: imago/Schöning