Bahnhofsmission ist am Limit

Menschen erhalten am Zoo mehr als nur eine warme Mahlzeit

Rund 700 Gäste kommen jeden Tag / Ausbau beginnt demnächst.

„Die Welt retten wir sicher nicht am Zoo“, sagt Dieter Puhl. „Aber wir versuchen, sie etwas besser zu machen.“ Der rührige, den Menschen zugewandte Chef der evangelischen Bahnhofsmission am Bahnhof Zooloogischer Garten ist ein zutiefst gläubiger Christ – und auch in dieser Passion täglich mit dem irdischen Elend beschäftigt. Die Einrichtung der Berliner Stadtmission ist für Obdachlose Heimathafen, Kummerkasten, Seelentröster. „Wir kümmern uns um die Verhuschten, die Nicht-Wartezimmer-Tauglichen. Sie brauchen Essen, Kleidung, Zeit, Liebe, Rat und Fachärzte. Aber auch um Menschen, die auf dem Bahnhof und drumherum in Notlagen geraten“, erläutert Puhl das Konzept.

Mit täglich 600, mitunter 700 Gästen stößt die Mission inzwischen an die Grenzen ihrer Kapazität. Hierher kommen nicht nur viele der – geschätzt – 6.000 Obdachlosen der Stadt, sondern zunehmend auch von Altersarmut gezeichnete Menschen. Deren Zahl ist deutlich gewachsen. „Die Schlange der Hilfesuchenden muss kürzer werden. Nötig sind weitere Tagesstätten und Hilfsangebote im Innenstadtbereich“, fordert Puhl. Eine sozial und konfessionell bunt gemischte Mannschaft von 160 Ehrenamtlichen, 150 Praktikanten, 270 Sozialstunden Leistenden unterstützt jährlich die zwölf Hauptamtlichen. Sie haben rund um die Uhr alle Hände voll zu tun – ein eingespieltes Team, das die Hilfesuchenden versorgt, ihnen Halt und Würde gibt. Mit knapp 250.000 Euro bezuschusst der Senat die Einrichtung. Das ist viel Geld, aber es reicht lange nicht. Das Gros kommt aus Spenden und Kirchenmitteln.

Standort gesichert

Glanz und Elend liegen am Zoo dicht beieinander: Der Bahnhof wird weiter, heller, freundlicher, gastlicher; in seinem Umfeld wachsen Luxushotels und Geschäftsbauten in den Himmel. Die bange Frage war: „Ist da noch Platz für uns mit unserer schwierigen Klientel?“ Mag mancher auch die Nase rümpfen – Politik und Bahn stehen zu ihrem Wort: Die Bahnhofsmission bleibt. „Natürlich sind wir bemüht, Rücksicht auf das Gemeinwesen zu nehmen, sind mit Nachbarn, Geschäften, dem Bezirk, der Bahn in engem Kontakt“, sagt Puhl. „Viele wertschätzen uns, einige lieben uns sogar.“ Vieles hat sich hier positiv verändert: Die Bahn investierte 300.000 Euro in ein modernes Hygienecenter, dessen Wartung der Senat jährlich mit 150.000 Euro finanziert. Auch Friseursalon und medizinische Fußpflege sind eine Wohltat für die am Gesellschaftsrand Gestrandeten. Die Bahn stellt weitere 500 Quadratmeter für die Bahnhofsmission mietfrei bereit, übernimmt auch die Energiekosten. Demnächst beginnt der Ausbau.

Eine Zukunft, der sich auch der Bezirk verpflichtet sieht. „Wir wollen, dass die Bahnhofsmission an ihrem angestammten Platz im Masterplan der Stadtentwicklung City West fest eingeplant wird“, sagt der SPD-Bezirksverordnete Wolfgang Tillinger. Seine Fraktion fordert das Bezirksamt auf, in einer zeitnahen, transparenten Diskussion eine Gesamtlösung zu finden, die von allen Akteuren mitgetragen wird. Auch die CDU-Fraktion appelliert an Bezirksamt und Senatsverwaltung, im Bereich des Bahnhofs Zoo das Angebot an psychosozialer Betreuung in Kooperation mit der Bahnhofsmission deutlich zu erweitern.

Jürgen Zweigert, Bild: Tim Ahlfeld