Erzieher unter Pauschalverdacht

Viele Eltern lehnen Männer als Betreuer ihrer Kinder ab, weil sie in ihnen potenzielle Pädophile sehen.

Schaut der meinen Sohn zu intensiv an? Darf der meine Tochter so einfach auf den Schoß nehmen? Kita-Erzieher sind einem ungeheuerlichen und absurden Generalverdacht ausgesetzt: Viele Eltern sehen sie als potenzielle Pädophile. Auch deshalb sind Männer die Exoten in diesem Metier. In einer Welt immer noch typisierter Mann-Frau-Rollenbilder zahlen sie die Zeche für ein Erbe, das sie jahrhundertelang nicht alltäglich in den Umgang mit Kindern einband. Ein fatales Klischee entstand – genährt von tatsächlichem Kindesmissbrauch, begangen ebenso von Vätern, wie von Pfadfindern, Lehrern und Vereinstrainern. Es dauert wohl noch mehrere Generationen, bis Mädchen und Jungen aus ihrer Kita-Zeit ihren eigenen Kindern die Gewissheit vermitteln: Männer können – im besten Sinne – mit Kindern! Sie tun Kindern gut und sind als wichtige Bezugspersonen und Rollenvorbilder unentbehrlich für eine gesunde soziale und emotionale Entwicklung.

Wütender Protest

Aktuell befeuert wird die Diskussion von der Debatte um die sexuelle Orientierung männlicher Erzieher. Anlass war die harsche Reaktion muslimischer Eltern in einer Reinickendorfer Kita, die sich weigerten, ihre Kinder einem bekennenden „Schwulen“ anzuvertrauen. Ihr wütender Protest verunsicherte auch Eltern, die das bislang toleranter sahen. Ein Klima aus Misstrauen und Diskriminierung baute sich auf. „Was für ein Anachronismus in unseren modernen Zeiten“, zeigt sich Schulstadtrat Tobias Dollase (parteilos, für CDU) über die Reaktion einzelner Eltern verwundert. Ob jemand „hetero“ oder „schwul“ sei, dürfe – allein schon aus gesetzlichen Gründen – keine Rolle spielen. „Allein entscheidend ist seine Arbeit, nicht Geschlecht und Sexualität. Kinder sollen erleben, dass ihnen Mann und Frau gleichermaßen tolle Angebote machen – sie trösten, fürsorglich versorgen, Geschichten vorlesen, aber eben auch mit ihnen Fußball spielen und ordentlich toben. Wir brauchen und wollen mehr „Männer in den Kitas„ und beteiligen uns am Bundesprogramm gleichen Namens“, sagt er.

Männer erwünscht

Ebenso sieht es auch Harald Bohn, pädagogischer Geschäftsführer des Kita-Eigenbetriebes Nordwest: „Männer sind uns willkommen, auch von den Eltern erwünscht. Leider finden wir nicht genug. Jeder Bewerber bekommt seine Chance.“ Die rund 7.500 Kinder der 63 Nordwest-Kitas werden von 1.420 Beschäftigten betreut – nur 106 von ihnen sind männlich, knapp 7,5 Prozent. Eine Arbeitsgruppe „Männer“ trifft sich regelmäßig, berät aufkeimende Konflikte.

Der Anteil

Im Pendant-Betrieb, dem Kita-Träger Nordost, zu dem auch der Bezirk Lichtenberg zählt, werden in 76 Einrichtungen rund 10.000 Mädchen und Jungen betreut. Knapp 70 der 1.710 Pädagoginnen und Pädagogen sind männlich: ein Anteil von nur vier Prozent. „Wir wollen diese Quote unbedingt erhöhen. Männer tun den Kindern gut – das akzeptieren auch die Eltern“, sagt Geschäftsführer Robert Ehrenpfordt. Man habe auch homosexuelle Beschäftigte im Team: „Ganz klar schützen wir sie. Für homophobe Eltern ist kein Platz in unseren Kitas“, so Ehrenpfordt. Größtes Hindernis seien nach wie vor die tradierten Rollenklischees; diese gelte es zu überwinden und nicht der sexuellen Orientierung eines Menschen diskriminierend nachzujagen.

Jürgen Zweigert, Bild: Thinkstock/iStock/shironosov