Campus durch die Hintertür

Bauen: Anwohner der Borkumstraße fühlen sich vom Bezirk überfahren.

Ein Gespenst geht um in Berlin, das Gespenst der „Flächengerechtigkeit“. Es wird gern in Zusammenhang mit der Verkehrswende beschworen, die die Regierenden ausgerufen haben. Was aber ist gerecht? Darüber gehen die Meinungen oft auseinander, wie am Beispiel der Pankower Borkumstraße. Dass dort eine Straße für Autos gesperrt wurde, ohne zuvor mit den Anwohnern zu reden, treibt diese auf die Palme.

Zahlen umstritten

„Das ist weit von jener Bürgernähe entfernt, in der sich Poliker gern sonnen”, sagen etwa Frank Labuszewski und seine Mutter Maria. Sie verstehen nicht, was sich plötzlich geändert haben soll, nachdem das Bezirksparlament frühere Schließungswünsche abgelehnt hatte. Stadtrat Vollrad Kuhn (Grüne) argumentiert: „Die Situation hat sich in der Zwischenzeit dahingehend verändert, dass mehr Schüler als noch 2012 die Schule besuchen, mithin auch mehr Kinder und Jugendliche täglich die Straße überqueren.” Doch die vom Gymnasium berechneten Zahlen seien viel zu hoch gegriffen, entgegnen die Anwohner. Denn sie haben nachgezählt: Statt angeblich 30.000 Straßenquerungen pro Woche kamen sie höchstens auf ein Drittel davon. Auch den bemühten Zuzug nach Pankow plus größerer Verkehrsbelastung in der besagten Nebenstraße samt der angeblichen Gefährdung der Schüler halten die Anwohner für „künstliche Hysterie”. Die Gymnasiasten seien schließlich „klug, gebildet und überdurchschnittlich begabt” und auch alt genug, um sicher die Straße zu queren. Die Anwohner argwöhnen vielmehr, dass der Bezirk vor allem den Wunsch der Schule fördern will, einen geschlossenen Campus zwischen den beiden Gebäudeteilen an der Kissingen- und der Borkumstraße zu bilden. Quasi durch die Hintertür, denn der Versuch das Teilstück der Borkumstraße dafür zu entwidmen, war 2011 gescheitert.

Was wollen die Anwohner?

„Die Borkumstraße ist eine seit gut 100 Jahren bestehende wichtige Straße für uns und das soll sie in ihrer Gesamtheit auch bleiben“, sagt Maria Labuszewski. Diese Nebenstraße sei zu eng, um unnötige Wende- und Ausweichmanöver zu provozieren. Und es geht hier mal nicht vorrangig um Parkplätze: Dass die jetzige Verkehrsberuhigung 26 Stellplätze koste, sei nicht der Knackpunkt, betonen die Anwohner. Sondern, dass überhaupt nicht versucht wurde, die Sicherheit der Kinder zu verbessern. „So ist für uns völlig unverständlich, warum nicht längst ein Zebrastreifen beziehungsweise flankierende Maßnahmen wie ein Geländer, eine Straßenaufpolsterung oder eine Begrenzung auf Schrittgeschwindigkeit auf zehn Kilometer pro Stunde gefordert wurden.“

Keineswegs stur

So zeigen sich die Anwohner nicht als sture Wutbürger, sondern gesprächs- und kompromissbereit. Doch Dorina Porsch hat den Eindruck, im Bezirksamt wolle man es auf ein Gerichtsverfahren ankommen lassen und „uns in die Klage drücken“. Pankows amtierende Ordnungs-Stadträtin Rona Tietje versichert, dass der Bezirk „daran selbstverständlich kein Interesse” habe. Noch ist es nicht zu spät, eine juristische Eskalation nach dem laufenden Widerspruchsverfahren der Bürger zu verhindern. Pankows früherer Stadtrat und heutiger Verkehrsstaatssekretär Jens-Holger Kirchner habe eingeräumt, an der Borkumstraße „nicht die beste Lösung” gefunden zu haben. Eine Besserung aber ist bisher nicht in Sicht.

Michael Hielscher, Bild: Privat