Entscheidung nach Gutsherrenart

Stadtentwicklung: Reinickendorfs SPD kritisiert Hermsdorfer Terrassen mit 100 Eigentumswohnungen.

Wirbel in der Hermsdorfer Ulmenstraße: Auf dem Gelände des ehemaligen Güterbahnhofs sollen
100 Eigentumswohnungen entstehen. Die BPD Immobilienentwicklung plant hier sechs Häuser mit Tiefgaragen an einer autofreien Promenade. Der Bauvorbescheid für die „Hermsdorfer Terrassen“ liegt vor; noch im Frühjahr sollen die Bagger rollen. Nach Wittenau ist es das zweite Projekt der Firma aus Frankfurt am Main in Reinickendorf, das – wie der Bauherr versichert – durch „seine Architektur, Lage und Gestaltung überzeugen wird“. Die Anwohner sind nicht überzeugt, sie sind überrascht. Ursprünglich wollte hier das Unionshilfswerk ein großes Seniorenheim errichten. Der mächtige Gebäuderiegel auf der Bahntrasse hätte dann die dahinterliegenden Häuser komplett in den Schatten gerückt und für Autofahrer wäre es in der Ulmenstraße noch enger geworden. Die Bürger stritten lange mit dem Investor, klagten gegen den Bebauungsplan. Ihr Protest hatte Erfolg – das Unionshilfswerk verlor entnervt das Interesse.

Anwohner sauer

Ein Sieg auf Zeit, wie sich heute zeigt. Denn natürlich will der Bezirk auf das Potenzial des Geländes nicht verzichten. Doch, anders als mit den Seniorenheim, wurden dieses Mal die Anwohner nicht gefragt. Zwar befasste sich der Bauausschuss mit dem Plan, doch weder Bürger, noch das Bezirksparlament wurden über das Vorhaben informiert. Die SPD ist richtig sauer: „Eine Entscheidung nach Gutsherrenart, das ist nicht akzeptabel“, empört sich ihr Fraktionschef, Thorsten Koch. „Ich erwarte, dass künftig bei vergleichbaren Vorhaben Bürger und Bezirksverordnete frühzeitig über die Planungen informiert werden.“ Angela Budweg, stadtentwicklungspolitische Sprecherin der Fraktion, ergänzt: „Wir bekennen uns eindeutig zum Wohnungsneubau in Reinickendorf und Hermsdorf, um die angespannte Lage auf dem Wohnungsmarkt zu dämpfen.“ Allerdings dürfe man dabei nicht die Chance vergeben, mit dem Bau von Mietwohnungen die soziale Mischung der Hermsdorfer Quartiere zu fördern. Zudem sei mit dem übereilten Verzicht auf Abschluss eines städtebaulichen Vertrages der Investor aus der Pflicht, sich an den Folgekosten für notwendige soziale Infrastruktur zu beteiligen.

Parkplätze gefragt

Dumm gelaufen, könnte man sagen. Bleibt abzuwarten, wie sich die Anwohner positionieren. Schon jetzt machen sie eine simple Rechnung auf: 100 Wohnungen mehr sind auch mindestens
100 Autos zusätzlich. Das macht den Alltag nicht gerade einfacher in der Ulmenstraße, die eine viel befahrene Durchgangsroute ins Havelland ist.

Jürgen Zweigert, Bild: BPD Immobilienentwicklung