„Wir wollen Kiez statt Kommerz!“

Alter Schlachthof: Bürger sehen auf der Brache anstelle von Kongress-Center und Shopping-Mall lieber ein „geschäftiges Dorf“.

Der „Alte Schlachhof“ gammelt weiter vor sich hin. Ein grandioses Trauerspiel, inszeniert von der UBX 2 Objekt Berlin GmbH und ihren österreichischen Gesellschaftern, den Immobilienriesen ubm development und Warimpex. Für ein Schnäppchen von nur 2,4 Millionen Euro erwarben sie vom Land Berlin 2008 das drei Hektar große Gelände an der Landsberger Allee. Seit vergangenem Sommer sind ihre Bauanträge genehmigt, sie haben das Baurecht. Geplant sind der Neubau eines großen Kongresscenters sowie ein Einkaufszentrum in den denkmalgeschützten Hallen. Doch nix passiert auf der Brache. Der Eigentümer hält sich bedeckt. Längst dürfte das Land ein Vielfaches seines Kaufpreises wert sein. Die Frage ist: Will er überhaupt bauen oder doch lieber profitabel verkaufen?

Alternative Vision

„Das Schöne ist, sie bauen nicht! Zeit für unsere Planungen. Denn wir wollen ganz anderes hier. Wir, die Anwohner, wollen Kiez statt Kommerz“, sagt Filip Stahl. Mit Doreen Bialas steht er am „Protestzaun“ vor der Brache, in den sie mit Bändern den Schriftzug „Nicht noch‘n Center“ gesteckt haben – so auch der Name ihrer Bürgerinitiative. „Allein hier im Umfeld gibt es bereits fünf Shopping-Malls, der Leerstand ist hoch, eines bereits insolvent. Zudem wäre es das 70. in Berlin – wozu?“, fragt Bialas. Ihr Initiativ-Partner ergänzt: „Dagegen fehlt es an sozialer Infrastruktur, an Schulen, Kitas, an Treffpunkten für Alt und Jung, Kultur- und Sportreffs, Ateliers für Künstler und Handwerk. Das täte dem Kiez wirklich gut.“ Ihre Vision ist ein „Dorf mit geschäftigem Treiben“ inmitten der Stadt, das genau dies bieten soll. Sie arbeiten mehrere Stunden täglich am Projekt, kontaktieren Behörden, Sponsoren. Ihre Petition auf change.org hat bereits 2.000 Unterstützer.

Center unerwünscht

Die Chancen stehen nicht schlecht: Der Bezirk ist sich mit der Bürgerinitiative einig, dass die Planungsziele nicht mehr zeitgemäß und weder ein Kongress-Center, noch eine Mall gewünscht sind. Auf ihrer jüngsten Sitzung forderten die Pankower Bezirksverordneten mehrheitlich das Bezirksamt auf, sich beim Land Berlin für eine Änderung des Bebauungsplanes einzusetzen. „Wir können an der Bauplanung nicht rütteln. Im Rahmen der damaligen Olympia-Bewerbung hatte das Land die Planungen an sich gezogen“, sagt Mike Szidat (SPD), Vorsitzender des Stadtentwicklungs-Ausschusses in der Pankower BVV. „Doch wir sind sehr an Erhalt und Sanierung und an einem guten Mix aus Kultur, Gastronomie und bezirklicher Infrastruktur auf dem Gelände interessiert.“ So könnte es geschehen: Die Eigentümer haben noch keinen Investor für ihr Bauvorhaben gefunden, die Messe Berlin ist nicht mehr interessiert; das Grundstück steht erneut zum Verkauf. „Vieles ist weiterhin unklar, doch wir bringen Bewegung in die Sache. Es ist unsere Stadt – wir dürfen sie nicht an Immobilienhaie verscherbeln!“, fordern Doreen Bialas und Filip Stahl.

Text und Bilder: Jürgen Zweigert