Auf der Spur der blauen Pferde

Künstler in Berlin machen sich auf die Suche nach einem verschollenen Meisterwerk .

Wer hat den „Turm der blauen Pferde“ von Franz Marc gesehen? Wer erinnert sich an Geschichten aus der Kindheit oder hat nach 1945 Gerüchte über den Verbleib des berühmten Gemäldes gehört? Wer hat das Bild von Franz Marc nach dem 2. Weltkrieg in Zehlendorf gesehen? Das Haus am Waldsee eröffnet Anfang März eine Ausstellung mit zeitgenössischen Künstlern wie Norbert Bisky, Christian Jankowski oder Birgit Brenner, die sich künstlerisch auf die Suche nach dem verschollenen Meisterwerk machen.

„Bis in die 70er Jahre hat sich die Fachwelt kaum Gedanken gemacht über den Verbleib des weltberühmten Gemäldes“, sagt Katja Blomberg, Direktorin im Haus am Waldsee. Als Blomberg vor zwölf Jahren die Leitung des Hauses übernommen hatte, kamen Besucher direkt auf sie zu mit der Frage: Wussten Sie, dass der Turm der blauen Pferde hier zuletzt gesehen wurde? „Immerhin handelt es sich um eines der  berühmtesten Gemälde der Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts“, sagt Blomberg.  Das Haus am Waldsee sucht nun nach Zeitzeugen und Nachfahren von Zeitzeugen, die sich an Geschichten aus der Nachkriegszeit erinnern, die Erzählungen ihrer Eltern oder Großeltern teilen möchten und schriftliche oder fotografische Dokumente zur Verfügung stellen können, die über den Verbleib des Kunstwerks nach 1945 Aufschluss geben. Die gesammelten Geschichten und Dokumente zum möglichen Schicksal des Bildes werden Teil der Spuren und Legenden dieses verschollenen Meisterwerks und finden ihren Weg in die Ausstellung im Haus am Waldsee.

Mit Göring verliert sich die Spur. Erstmals 1913 in München ausgestellt, wurde das berühmte Bild 1919 für die „Neue Abteilung“ der Berliner Nationalgalerie erworben. 1937 war es Teil der NS-Propagandaausstellung „Entartete Kunst“ in München. Nach Protesten ehemaliger Regimentsmitglieder wurde das berühmteste Gemälde der Ausstellung auf Geheis Hitlers zurückgezogen. NS-Minister Hermann Göring hatte daraufhin das Werk an sich genommen – danach verliert sich die Spur. Der einstige Reichskunstwart Edwin Redslob will es kurz nach Kriegsende im Haus am Waldsee in Zehlendorf gesehen haben, was allerdings erst in den 70er-Jahren über den Tagesspiegel an die Öffentlichkeit kam. Diese und weitere Hinweise hat der Kunsthistoriker Roland März über Jahre recherchiert und 2009 veröffentlicht; sein aktualisierter Aufsatz wird im begleitenden Katalog zur Ausstellung im Haus am Waldsee neu veröffentlicht. Zwölf Künstler in Berlin und acht in München werfen mit Mitteln der Malerei, Skulptur, Video, Fotografie, Installation und Texten neue Fragen rund um den Mythos und Verbleib des Gemäldes auf. Die Ausstellung vom 3. März bis 5. Juni geht so den Geheimnissen rund um den „Turm der blauen Pferde“ auf den Grund. Infos zum Projekt gibt es im Internet, Hinweise zum Verbleib des berühmten Gemäldes nimmt das Haus am Waldsee unter info@hausamwaldsee.de entgegen.

Daniel Seeger, Bild: Franz Marc