Wo Technologie auf Kunst trifft

Wirtschaft: Medizin-Unternehmer baut die historische Bötzow-Brauerei zum Forschungszentrum und Kulturtreffpunkt um.

„Bötzow ist ein Glücksfall, eine innovative Plattform mit historischem Erbe“, sagt Professor Hans Georg Näder. Und erzählt, wie er dazu kam, das preußische Industriedenkmal wachzuküssen: In einer Sommernacht 2010 spazierte er vom Alex die Prenzlauer Allee rauf, verharrte neugierig an den herunter gekommenen Fassaden der einstigen Brauerei. Damals wollte die Metro-Gruppe hier ein Shopping-Center errichten. Noch eines! Doch der Visionär Näder – Inhaber des Medizintechnikunternehmens Ottobock, Weltmarktführer in der Prothesenfertigung – sah das wahre Potenzial. Er träumte davon, wie Alt und Neu auf dem „Windmühlenberg“ zu etwas ganz Besonderem zusammenfinden. Wenig später war er Besitzer des 24.000 Quadratmeter großen Areals mit seinen denkmalgeschützten Gebäuden – und legte los. Für die Umsetzung seiner Visionen gewann er den namhaften Architekten David Chipperfield. Laut Masterplan fließen 250 Millionen Euro in das Gelände.

Hand in Hand

Jetzt steht der weltläufige Mittfünfziger auf der Treppe seines Container-Think-Tanks, hat die Baustelle gut im Blick. „Dort zieht unser Ottobock Future Lab ein“, weist er auf die noch eingerüsteten Altbauten. Eine Forschungs- und Ideenschmiede, in der Näder „die ideenreich Verrückten und die Strukturierten“ zusammen bringen will. In dem historischen Gemäuer werden kreative Köpfe aus aller Welt Hand in Hand mit Ottobock-Entwicklern neue Pläne für Rehabilitationstechnik und Orthopädie entwickeln. „Bötzow wird unser Cape Canaveral für neue Technologien. Hier machen wir uns fit für die Zukunft“, sagt Näder. Das erklärte Ziel ist mehr Mobilität für Menschen mit Behinderung. Dafür tüfteln schon heute auf dem Bötzow-Gelände im Fab Lab Berlin und im Open Innovation Space Wissenschaftler, Techniker, Studenten an Verfahren, die Prototypen von Rollstühlen und Mobilitätshilfen schneller produktionsreif machen sollen.

Biergarten entsteht

Doch das ist längst nicht alles: Bötzow wird wie einst wieder ein beliebter Publikumsmagnet. Die strategischen Bereiche des Unternehmens sind eingebettet in Orte der Gastronomie, der Kunst, der Kreativszene. Es wird wieder Bier gebraut, ein Biergarten mit 1.500 Plätzen entsteht, dazu ein öffentliches Schwimmbad. In die riesigen Gewölbekeller ziehen Manufakturen, Design- und Kunstwerkstätten. Eine Galerie präsentiert Werke aus Näders großer Sammlung zeitgenössischer Kunst: Neo Rauch, Norbert Bisky, Helmut Newton, Kunst aus Kuba. Bötzow wird ein Mix aus Kunst, Technologie, Gastronomie. Bei allen Vorhaben will Näder aber unbedingt die DNA der historischen Industriearchitektur erhalten. 2019, zum 100. Firmenjubiläum von Ottobock, soll alles fertig sein.

Jürgen Zweigert, Visualisierung: David Chipperfield