Die U-Bahn aus dem elften Stock

In Friedrichsfelde steht ein Zug auf dem Flur.

Den wohl abgefahrensten Flur Berlins gibt es bei Familie Czech in der Friedrichsfelder Platte zu entdecken. Hoch oben im 11. Obergeschoss verstehen Besucher oft nur Bahnhof, wenn sich die Tür zur Vierraum-Wohnung öffnet: U-Bahn-Türen, knarrender Waggonboden, Feuerlöscher, Sitzplätze und Notsitze sind hier im Vorraum so eingebaut, dass alles so aussieht und wirkt, als stünde man in einem richtigen U-Bahn-Waggon.

Vor der Wende

Die Idee zu diesem Look hatte Sigmund Czech im Jahr 1989. In der benachbarten großen U-Bahnwerkstatt der Berliner Verkehrsbetriebe wurden damals ganze Züge ausgemustert und abgewrackt. “Als ich das sah, habe ich nachgefragt, ob ich Bauteile mitnehmen darf – den Plan für den Flurausbau hatte ich zu dem Zeitpunkt noch gar nicht“, erklärt der gelernte Elektrotechniker. Die größeren Teile, wie Wände und Stangen passten gar nicht in den Fahrstuhl. Tochter Melanie, damals 14, musste noch beim Schleppen helfen. „Unser damals neunjähriger Sohn René feuerte uns an und meine Frau Heidi bekam an dem Tag gar nichts mit – sie war ja auf Arbeit. Abends war die Stimmung aber entsprechend mies“, so Czech. „Was willste mit dem Gerümpel hier?“ lautete die Frage der Gemahlin, zu der Sigmund Czech noch keine rechte Antwort präsentieren konnte. Der passende Ideenblitz ereilte ihn aber Tage später. Da, wo andere eine Telefonbank, Schlüsselkasten und Garderobe in die Wohnung platzieren, sollte der „Wohn-Waggon“ der Czechs entstehen. „Nach einer Woche war die erste Tür eingebaut. Der Anfang war gemacht und es folgten die Wände und die Bänke. Und weil alles möglichst so wie das Original aussehen und sich anfühlen sollte, gab es sogar einen extra Boden dazwischen verlegt. „Am Anfang haben sich alle in der Familie an den Geräuschen gestört… aber das Knarren war halt authentisch.. Nach dem Boden folgten dann die Oberlichter, und viele andere Details. In dem rund drei mal einhalb Meter großen Flur entstand allmählich ein U-Bahn-Waggon aus den zwanziger Jahren in ganz konzentrierter Form: Notsitze, Abfertiger-Sitz, Frischluftfenster, die Fluchttür mit Messinggriffen – inzwischen ist alles da, was BVG-Nostalgikern Wärme ums Herz beschert, nämlich das Innenleben eines U-Bahntriebwagens vom Typ A2 mit Baujahr 1928, der in seiner vorherigen Bestimmung auf der U2-Strecke zwischen Pankow und Mohrenstraße hunderttausende von Kilometern gependelt ist.

Das Aussergewöhnliche

„Meine Frau erkannte schnell auch das Exklusive an dieser Form der Einrichtung. Es ist halt etwas ganz was anderes als bei den Möbeln aus den Einrichtungshäusern“, so Czech. In all den Jahren folgten weitere Devotionalien aus dem U-Bahn-Thema, die Czech in die Flurkulisse integrierte: Der Fahrstand aus einem Triebwagen, Schilder, Bleche, Fahrscheine aus den 50er Jahren und viele Postkarten mit Abbildungen der alten Waggons und Triebwagen ergänzen den „Flur-Waggon“ inzwischen zu einem Mini-Museum. Pi mal Daumen sei alles nach 300 Arbeitsstunden fertig gewesen, sagt Czech, der auch heute noch aktiver U-Bahn-Fahrer ist. „Details von früher gibt es heute zwar kaum noch zu entdecken. Ich habe aber inzwischen einen Blick für die ganz kleinen Details gewonnen, an denen ich mich immer noch bei meinen U-Bahnfahrten erfreue“, erklärt der Rentner mit seinem original Berliner Hobby.

Autor und Bild: Stefan Bartylla