Aktuell wie damals

Erotik: Abendblatt-Serie zum Geschäft mit dem Sex.

Die „heißeste Nummer der Stadt“ versprach im April 1992 das „Studio Dominique“ in der Charlottenburger Mommsenstraße 12. Die 26-jährige Dominique, Inhaberin des Domina- und Sklaven-Studios, sah ihre Arbeit pragmatisch: „Ein Job, wie jeder andere auch, ich verkaufe nur meine erotischen Phantasien.“ Hinter einer normalen Wohnhausfassade wurden diskret die ungewöhnlichsten Sex-Wünsche erfüllt. Mittelpunkt der schummrigen Wohnung: das in rotes Licht getauchte „Behandlungszimmer“, einer Folterkammer aus dem Mittelalter ähnlich. Ketten, Peitschen, Nadeln, Brustwarzenklammern und Dildos in jeder Farbe, Form und Größe lagen bereit.

Neue Horizonte

Meist Männer aus der gehobenen Mittelschicht, jeden Alters und nun auch aus Ost und West gehörten zu Dominiques Kunden. Seit dem Fall der Berliner Mauer erlebte das Geschäft mit der Lust einen gewaltigen Aufschwung. Die Brüder und Schwestern aus dem Osten waren ein begehrter Wachstumsmarkt. Als sich die Grenzen zum Westen öffneten, wurden den Pankowern, Lichtenbergern und Schöneweidern plötzlich auch erotisch völlig neue Horizonte aufgezeigt.

DDR-Bürger galten als weniger prüde als manch Alt-Bundesrepublikaner. Nicht ohne Grund hatte die Freikörperkultur, also das Nacktbaden, in der DDR viele Anhänger – war für sie die natürlichste Sache der Welt. So auch für Eisprinzessin Katarina Witt, die kein Problem hatte, sich für den Playboy zu entblättern. Angeblich bis heute die meistverkaufte Ausgabe in Deutschland! Das Geschäft mit dem Sex lief so gut, weil viele im Osten nach dem Motto „Test the West“ auch Dinge ausprobieren wollten, die vorher tabu waren oder schlicht nicht zugänglich. Beispielsweise Sexspielzeug von Beate Uhse, die am Bahnhof Zoo damals Umsatzrekorde verzeichnete.

Schattenseiten beleuchtet

Das Abendblatt aber legte eine Serie auf, die auch die Schattenseiten des ältesten Gewerbes der Welt beleuchtete, wie Menschenhandel, Zwangsprostitution und gnadenlose Ausbeutung. Themen, die 25 Jahre später aktuell sind, wie das derzeitige Gerichtsverfahren nach der Razzia im Charlottenburger Großbordell „Artemis“ zeigt.

Michael Hielscher, Bilder: BAB/Archiv, Christina Praus