Als die Besatzer verschwanden

Truppenabzug: Amerikaner, Briten und Franzosen feierten – für die Russen war es ein Abschied zweiter Klasse.

Fast ein halbes Jahrhundert Besatzung ist vorbei: Am 9. September 1994 endete für Deutschland endgültig die Nachkriegszeit. Die Soldaten der Siegermächte waren fort. Genauso hatten es beide deutsche Staaten mit den USA, der Sowjetunion, Großbritannien und Frankreich vier Jahre zuvor im Zwei-plus-Vier-Vertrag vereinbart. Zuerst sollten Moskaus Truppen abziehen, anschließend die Westalliierten. Geplant war ein Abschied ohne Groll und in Würde für alle. Vielleicht sogar eine gemeinsame Feier, wie sie Russlands Präsident Boris Jelzin wollte. Er fürchtete die Deklassierung seiner Streitkräfte, obwohl sie doch die größten Opfer beim Sieg über die Hitler-Diktatur gebracht hatten.

Ungewisse Zukunft

Doch genauso kam es: Die drei Westalliierten lehnten eine gemeinsame Truppenparade und Abschiedsfeier mit den Russen ab. Am 18. Juni 1994 wurden sie auf ihrer letzten gemeinsamen Parade von 75.000 Zuschauern umjubelt und am 8. September verabschiedete sich das West-Korps mit höchsten Ehren und Großem Zapfenstreich der Bundeswehr am Brandenburger Tor. Der vierte Alliierte feierte am 11. Juni in seinem Hauptsitz Wünsdorf, paradierte mit kleinem Protokoll am 31. August im Treptower Ehrenmal und wurde am Abend desselben Tages im Schauspielhaus am Gendarmenmarkt offiziell verabschiedet. Während die gut 10.000 Amerikaner, Briten und Franzosen mit den Berlinern einen fröhlichen Abzug aus ihren Quartieren in Spandau, Reinickendorf, Tempelhof und Steglitz-Zehlendorf zelebrierten, war in den Kasernen der russischen Truppen rings um Berlin die Fledderei längst im Gange. Mehr als 500.000 Soldaten, Offiziere, Angehörige und Zivilangestellte wurden in die ungewisse Zukunft eines instabilen, zerrissenen Landes entlassen. Deutschland unterstützte mit 15 Milliarden D-Mark die Rückführung der Menschen und den Bau von 45.000 Offiziers-Wohnungen in den Nachfolgestaaten der Sowjetrepubliken.

Das Erbe am Ende der Besatzungszeit war so gewaltig wie zwiespältig: In Berlin wurden 7.300 Wohnungen der vier Alliierten frei; die Flächen summierten sich auf rund 2.000 Hektar. Allein der Sanierungsbedarf für die geschundenen 1.500 Liegenschaften der sowjetischen Truppen wurde auf 25 Milliarden DM geschätzt. Ein Erbe mit vielen offenen Fragen.
Bis heute.

Jürgen Zweigert, Bild: imago/Itar-Tass