Autos wurden zum Spielball der Fluten

Gleimtunnel: Wo Autos früher verboten waren, wurden sie in diesem Jahr weggespült.

„Der Gleimtunnel wird nicht für den Autoverkehr geöffnet. Dies hat das Bezirksamt beschlossen.“ So berichtete das Berliner Abendblatt am 4. März 1992. Wäre es bei dieser Entscheidung geblieben, wäre es in diesem Jahr nicht zu einer Massenkaramboulage unterm Tunnel gekommen, als dieser am 27. Juli vollkommen von Regenwasser geflutet wurde. Obwohl bereits seit 1993 die Durchfahrt für Autos wieder erlaubt ist, ist der Gleimtunnel derzeit dicht.

Dramatische Momente

Die Verbindung zwischen Prenzlauer Berg und Gesundbrunnen geriet deutschlandweit in die Schlagzeilen, als nach unwetterartigen Regenfällen Autos im Tunnel unkontrolliert im Wasser trieben. Über 40 parkende Autos verschoben sich unter Wasser und verkeilten sich ineinander. In einigen Autos saßen sogar Menschen, sie riefen um Hilfe, stieg das Wasser doch zum Teil bis auf Fensterhöhe. Nur wegen des Einsatzes beherzter Bürger konnte das Schlimmste abgewendet werden. Niemand kam zu Schaden. Die Polizei hat sich deshalb auf die Suche nach den freiwilligen Helfern gemacht, um Danke zu sagen. „Wir wollen Ihnen danken für Ihre Hilfe und Unterstützung, gerne persönlich bei einem Kaffeetrinken“, hieß es in dem Aufruf. Drei Alltagshelfer haben sich daraufhin gemeldet. Zwei davon sind bereit, sich mit den Kollegen der Polizei, die bei der Flut auch im Einsatz waren, zu treffen. „Die Terminabstimmung gestaltet sich jedoch ein wenig kompliziert“, teilt die Polizei mit. Einer der Helfer, Jason Oettle, ist von Beruf Stuntman und befindet sich derzeit in England. Das Abendblatt hatte trotzdem die Möglichkeit, kurz mit ihm zu sprechen. „Ich fühle mich nicht als Held. Als ich zum Tunnel kam, waren die Menschen schon außer Gefahr“, sagt Oettle. Doch er und seine Söhne taten, was sie konnten, um Schlimmeres zu verhindern. Kurzentschlossen holte Oettle, der von Beruf Stuntman ist, seinen wasserdichten Overall aus dem Auto und marschierte noch einmal gemeinsam mit einem Polizisten den ganzen Tunnel ab, um sicherzugehen, dass wirklich niemand mehr gefährdet war.

Keiner ist Besitzer

Nach Abfluss der Wassermassen stellte sich schnell heraus, dass die Tunneldecke durchbrochen und einsturzgefährdet war. Immer noch streiten Senat und Bahn, wer für die Sanierung des Gleimtunnels zuständig ist. Keinem will der Tunnel plötzlich gehören. Schon vor der Überflutung war der Tunnel dem Verfall preisgegeben. Der Pankower Grünen-Abgeordnete Andreas Otto befragte Senat und Bahn. Die Antworten sind aus seiner Sicht ernüchternd. Senator Andreas Geisel (SPD) sage, über das Brückenbauwerk führten mal Gleise, also sei die Bahn zuständig. Die Bahn hingegen stehe auf dem Standpunkt, die Gleise seien weg und vergessen, deshalb habe sie mit dem Bauwerk nichts zu tun. „Dieses Sandkastenspiel läuft seit 25 Jahren“, sagt Otto. Er hat sogar den Verdacht, dass der Senat den Tunnel am liebsten einstürzen lassen würde, „um eine Sorge weniger zu haben“. Die ungeklärten Besitzverhältnisse verzögern die Instandsetzung und anschließende Wiedereröffnung enorm.

S. Klinke und M. Hielscher, Bild: BAB/Archiv