25 Jahre Abendblatt und kein bisschen müde

Jubiläum: Direkt nach der Wende fiel der Startschuss für das
Berliner Abendblatt – Chancen und Hürden für eine Wochenzeitung.

Es war der 2. Oktober 1991, als das Berliner Abendblatt zum allerersten Mal in den Berliner Ost-Bezirken verteilt wurde. Die Luft roch noch nach Braunkohle-Qualm und Trabbi-Abgasen. Es war die Zeit der Videorekorder, der zahllosen Einkaufsbeutel, der druckfrischen D-Mark-Scheine und des rasanten politischen Umbruchs in ganz Europa – die Wende zu Marktwirtschaft, Reise- und Konsumfreiheit und zu mehr politischer Mitbestimmung war in vollem Gange.

Anzeigen gebastelt

Mit einer Auflage von 585.000 Exemplaren startete das Abendblatt. „Damals hatten wir unseren Sitz noch in der Chausseestraße, ein ziemlich alter Bau und für unsere Zwecke nicht besonders geeignet – aber sehr verkehrsgünstig gelegen“, erklärt Rolf Kanis (heute Rentner), der seine Karriere beim Abendblatt als Handelsvertreter begann und später den Innendienst leitete. „Wir haben Logos oder Schriftzüge aus Visitenkarten oder vorhandenen Geschäftspapieren zusammen geschnipselt, um mit dem Material dann beim Satzbetrieb fertige Anzeigen gestalten zu lassen“, so Kanis. Außer einigen Großkunden habe es gerade im Berliner Ostteil kaum Unternehmen mit eigenen Agenturen gegeben, die komplette Druckunterlagen schicken konnten.

„Als wir in den 90er-Jahren im Ostteil der Stadt mit unseren Ausgaben erschienen, war das für die Leser etwas völlig Neues. Wir kamen ja von hier und produzierten die einzige Zeitung, die jeden Haushalt in Ost-Berlin erreichen konnte. Wenn in einem dieser Stadtteile ein Elektrofachmarkt eröffnete, war das schlichtweg eine Sensation“, erzählt Kanis. Redaktionell und durch die Anzeigen sei oft ganz exklusiv darüber informiert worden. 1994 stand der Umzug in die Grünberger Straße in Friedrichshain an. „Hier saßen Redaktion und Anzeigenabteilung auf mehreren Etagen. Die Räume waren sehr verwinkelt und die Mitarbeiter saßen separiert voneinander. Das war nicht optimal, aber hier konnten wir den Satzbetrieb in einem der Hinterhöfe nutzen – das sparte Wege und Zeit“, erklärt Kanis, der heute gerade mal ein paar hundert Meter vom Druckhaus des Abendblattes an der Landsberger Allee wohnt.

Westen erobert

Ab Ende der 90er-Jahre startete das Abendblatt mit seinen Ausgaben im Westteil der Stadt. „In Zehlendorf, Reinickendorf, Tempelhof oder Schöneberg war unser Blatt ja völlig unbekannt gewesen. Und wie das so ist, als neue Alternative zu den damals bereits vorhandenen und etwas angestaubten Blättern wurde das Berliner Abendblatt gut angenommen – da war unsere Ost-Vorgeschichte den Kunden völlig egal.“ Bis zum Jahr 2008 wurden die West-Ausgaben noch mit einem blauen Titelschriftzug versehen. Im Osten waren die Titel rot. „Wir wollten aber das Zusammenwachsen der Stadt hervorheben“, sagt Kanis. Heute erscheinen natürlich alle Titel gleich. Seit 2004 hat das Abendblatt seinen Sitz beim Berliner Verlag am Alexanderplatz. In manchen Jahren waren bis zu 100 Kollegen im dritten Stock des Verlagsgebäudes beschäftigt. „Für mich war das die schönste Zeit meines Arbeitslebens. Feste, Ausflüge und Weihnachtsfeiern gehörten immer dazu“, schließt Kanis seinen Rückblick.

Stefan Bartylla, Bild: BAB/Archiv