Inklusion auf der Bühne

Festprogramm: Theater Thikwa erinnert an Gründung vor 25 Jahren.

In diesem Jahr feiert das Kreuzberger Theater Thikwa seine Gründung vor 25 Jahren. 1991, bei der ersten Premiere, war das Wort Inklusion noch gar nicht erfunden und eine Zusammenarbeit von behinderten und nichtbehinderten Künstlern mit professionellem Anspruch und auf Augenhöhe absolutes Neuland. Inzwischen ist aus den Pionieren der Inklusion ein etwas anderer aber allseits anerkannter Bestandteil der Berliner Kulturszene geworden. Mit einer Ausstrahlung weit über die Stadt hinaus. Performance, Tanz, Texttheater – über 90 Produktionen sind bisher entstanden. Seit 2006 in der eigenen Spielstätte in der Fidicinstraße 40, dem ersten komplett barrierefreien Theater Deutschlands. Immer mit Mut zum Experiment und auf der Suche nach neuen Ausdrucksformen jenseits festgefügter Genre-Grenzen, was Thikwa mehrere hundert Gastspiel-Einladungen in Europa, Israel und Japan einbrachte und es nach eigenen Angaben zu einem der renommiertesten inklusiven Theater im deutschsprachigen Raum machte. Basis dieses „Bühnenwunders” ist die Thikwa Werkstatt für Theater und Kunst, die den mittlerweile 43 Ensemble-Mitgliedern einen Vollzeitarbeitsplatz und eine Ausbildungsmöglichkeit bietet.

Thema Heimat

Unter dem Motto „Bereichert Euch!” lädt das Theater Thikwa mit einem umfangreichen Festprogramm zum Kennenlernen und Wiederbegegnen ein. Zum Auftakt verwandelte sich das ganze Theater in eine Zeltstadt. „Homescape – Thikwas Zeltstadt” setzte sich als großes Spektakel mit dem Thema Heimat auseinander. Und das Festprogramm geht weiter: Vom 6. bis 8. und vom 12. bis 15. Oktober (jeweils 20 Uhr) wird die Aufführung „Nahaufnahme I: Zwillinge“ gegeben. Die Premiere ist am 5. Oktober um 20 Uhr. Ein weiterer Höhepunkt kommt im November: „BioFiction – Wo endet das wirkliche Leben?” Diese Ko-Produktion mit dem Moskauer Theaterstudio Kroog II erkundet mit einem binationalen Ensemble eigene und erfundene Welten. Mit Mangas, halbwahren Erinnerungen und Sciencefiction fragt die Performance ob das Erfundene die Wirklichkeit nicht sehr viel klarer und zugespitzter spiegelt als die Beschreibung einer realen Biografie. Zwischen diesen großen Ankern sind vier „Nahaufnahmen” eingebettet. Unter diesem Titel hat Thikwa in den letzten Jahren eine Reihe von Porträt-Performances über einzelne Darsteller erarbeitet. Sie geben Einblicke in die Gedankenwelt ungewöhnlicher Persönlichkeiten, theatralisch vielfältig, komisch und berührend. Eröffnet wird diese kleine Werkschau mit der Neuproduktion „Zwillinge” von und mit Corinna Heidepriem und Anne Tismer. Nahaufnahmen und Ferndiagnosen, Großes und Kleines, Unterhaltsames und Ernsthaftes – alles erzählt mit diesem besonderen Blick, der trifft und neue Welten öffnet. Und nebenbei auch quicklebendig beweist, dass geistig behinderte Künstler aktiv gestaltende Teilnehmer eines gesellschaftlichen Diskurses sind.

red/nm, Bild: David Baltzer