Ein Nähcafé, das Nähe schafft

Soziales: Marzahn hat einen neuen Treffpunkt für neue und alte Nachbarn.

In seiner pakistanischen Heimat arbeitete Zuk in einer Softwarefirma, dann flüchtete er nach Deutschland und war lange zum Nichtstun verdammt. Mit 150 Leuten lebt der 31-Jährige in einer Marzahner Notunterkunft, der Alltag ist oft trist. „Man sitzt herum, schläft – es ist langweilig“, beschreibt seine Bekannte Sadia die Situation in der Sporthalle. Entsprechend groß ist die Freude nicht nur bei den beiden Flüchtlingen aus Pakistan über das Näh-Café, das kürzlich in ihrer Nachbarschaft eröffnet wurde.

Gut ausgestattet

„Hier fühle ich mich frei“, sagt Zuk und hantiert mit einer alten Nähmaschine. Wie die Stoffe, Nadeln, das Nähgarn und der Großteil der Einrichtung stammt auch diese aus Spenden, die die Volkssolidarität vor zwei Monaten zu sammeln begann – mit großem Erfolg. „Wir haben mehr Nähmaschinen als nötig erhalten“, freut sich Martina Polizzi, die das Näh-Café gemeinsam mit ihrer Kollegin Cordula Bienstein im Rahmen eines durch Bezirk und EU finanzierten Projektes ins Leben gerufen hat.

Im Dialog

Schon am ersten Tag war das Näh-Café bis auf den letzten Platz besetzt. Mit Händen und Füßen haben sich die Gäste verständigt. „Es spielten sich rührende Szenen ab. Als eine ältere Dame aus Marzahn den Flüchtlingsfrauen die Bedienung der Nähmaschinen erklärte, habe ich eine richtige Gänsehaut bekommen“, sagt Polizzi. Genau das, der gegenseitige Austausch, die Nähe, die dadurch entsteht, sei eines der Ziele des Projektes. „Gemeinsame Aktivitäten sind wichtig, auch um sich besser kennenzulernen und Vorurteile abzubauen“, meint Cordula Bienstein. Zugleich soll das Näh-Café aber auch ein Freiraum jenseits der eigenen vier Wände sein, in dem die Besucher den Stress und die Probleme des Alltags vergessen können. Dass das Café von Anfang an so einschlug, zeige, dass ein solcher Ort im Kiez gefehlt habe, sagt Bienstein. Angesichts des unverhofften Erfolgs schmieden Polizzi und Bienstein schon weitergehende Pläne. Langfristig könnte ein eigenständiger Betrieb entstehen, der Ausbildungen vom Sozialarbeiter bis zum Designer anbietet. „Nähen und die Wiederverwendung alter Materialien fördert die Kreativität der Menschen“, sagt Bienstein. Das künstlerische Potential des Nähcafés lässt sich dabei vielleicht schon zum Ende des Jahres bewundern. „Wenn sich eine feste Gruppe zusammenfindet, könnten wir möglicherweise Schmuck für den Bezirks-Weihnachtsbaum herstellen“, hofft Martina Polizzi.

Text/ BIld: Philip Aubreville