Ein Botschafter auf Kiez-Tour

Integration: Wie der US-Diplomat John B. Emerson mit seiner Familie die kulturelle Vielfalt Neuköllns erlebte.

„Das ist eine typisch amerikanische Story“, sagt US-Botschafter John B. Emerson begeistert, als er bei seinem Besuch im „Café Ole“ in der Neuköllner Boddinstraße die Lebensgeschichte des Besitzers, Sezer Yigitoglu, erfährt. Der Enkel türkischer Einwanderer ist der erste Gastwirt in Deutschland, der trotz Taubheit ein Café leitet. Ein Musterbeispiel für gelungene Integration.

Mit Familie

Dies war auch das beherrschende Thema bei der Bezirks-Tour, die der Botschafter mit seiner Gattin Kimberly und den drei Töchtern absolvierte. Türkische Unternehmen wie eben das „Café Ole“ stehen ebenso auf dem Programm wie ein Besuch im Neuköllner Rathaus. Dort berichtet Bezirksbürgermeisterin Franziska Giffey (SPD) von den Problemen im Bezirk und betont zugleich das Potential der hier lebenden Menschen. Dass sich Integration in Neuköln nicht nur auf arabisch- und türkischstämmige Menschen bezieht, erfuhr die Diplomaten-Familie im Richardkiez. Im „Museum im Böhmischen Dorf“ stellen Direktorin Brigitta Polinna und ihre Tochter Cordelia die Geschichte der Herrnhuter Brüdergemeinde vor, die im 18. Jahrhundert von böhmischen Flüchtlingen gegründet wurde. Die Polinnas leben seit elf Generationen in Neukölln und ihre Gemeinde ist für John B. Emerson ein Beispiel, wie Integration gelingen kann. Die eigene kulturelle Identität zu bewahren und gleichzeitig die Kultur in seiner neuen Umwelt kennenzulernen und anzunehmen, seien dafür zwei wichtige Faktoren.

Viele Themen

Ein weiterer, das hatte Emerson schon im Rathaus klargestellt, sei aber die Bildung. Um so beeindruckter zeigt sich der Botschafter von den Projekten, die ihm im MaDonna-Mädchentreff in der Falkstraße vorgestellt werden. Bei Hummus und Blätterteig geht es zum Beispiel um eine jüdische Lehrerin, die muslimische Schüler unterrichtet und so Vorurteile abbaut, um Beratungsstellen für Eltern oder um die Stadtteilmütter mit Migrationshintergrund, die sich in Gesundheits- und Bildungsthemen ausbilden lassen und andere Familien unterstützen.

Mit Problemen

In die hoffnungsvollen Geschichten mischt sich etwas Schwermut, als MaDonna-Leiterin Sevil Yildirim von ihrem Kampf gegen Zwangsheirat und Genitalverstümmelungen berichtet, die zum Erstaunen der amerikanischen Besucher auch in Berlin ein Thema sind. „Ich hoffe, wir können durch unseren Besuch etwas Aufmerksamkeit schaffen“, sagt Emerson und hat für die Gastgeber zusätzlich noch ein Präsent parat: Als er hört, dass viele Mädchen bei MaDonna mehr Einblicke in die Berufswelt hätten, lädt er sie spontan zu einer Führung in die US-Botschaft.

Text+Bild: Philip Aubreville