Beweise reichen nicht

Nach der Großrazzia Mitte April laufen die Geschäfte im „Artemis” weiter.

Kämpfte die 21-jährige Verliebte umsonst um ihr Wohl und ihre Würde? Laut Medien wurde die Kronzeugin Leila F., so ihr Pseudonym, seit 2013 von ihrem Freund Erman M. (25) mit Erpressung und Gewalt zur Prostitution gezwungen. Zum Schluss arbeitete sie im Großbordell „Artemis“. Dann ging sie zu Polizei. Ihre Aussagen über die Zustände in dem Halenseer Haus führten Mitte April zu einer großangelegten Razzia (Abendblatt berichtete). Wenige Stunden nach der nächtlichen Aktion gingen Prostituierte hier wieder ihrer Arbeit nach. Die Türen stehen Freiern täglich weit offen. Vier der sechs vor Ort Festgenommen sind inzwischen wieder frei. Wie kann das sein?

Nicht belegbar

Die Durchsuchung mit hunderten Beamten war aufgebaut auf dem Verdacht auf Menschenhandel und Zwangsprostitution in Verbindung mit organisierter Kriminalität. Auch sollen 17,5 Millionen Euro Sozialabgaben unterschlagen worden sein. Und weitere sechs Millionen Euro Steuern seien nicht gezahlt worden, sagt Michael Kulus vom Hauptzollamt Berlin. Nun jedoch sind dem Landgericht die Indizien, insbesondere einer geschäftlichen Verbindung der Betreiber mit der Rockerbruderschaft „Hells Angels“, für eine Anklage nicht ausreichend belegbar. Ganz im Gegenteil sollen diese selbstständig das Landeskriminalamt auf die häufigen Besuche der „Hells Angels“ hingewiesen haben. Auch über den Vorwurf der Steuerhinterziehung ist noch nicht entschieden. Der Zoll-Beamte, der das „Artemis“ in der Vergangenheit betreut hat, wurde trotz mehrfachen Antrages bisher nicht gehört, kritisiert das Gericht. Die Schließung eines Gewerbebetriebes läge zudem in der Zuständigkeit des Bezirksamtes. Dafür jedoch würden rechtlich hohe Anforderungen bestehen, erklärt der zuständige Stadtrat Marc Schulte (SPD). Das Bezirksamt arbeitet derzeit an einer gewerberechtlichen Prüfung für den Herbergsbetrieb und die Gaststättenkonzession.

Langwierige Sache

Für Simone Wiegratz von der Hurenorganisation Hydra e.V., scheint es „auf eine langwierige Sache hinaus zulaufen.“ Vor allem glaubt sie nicht, „dass alles, was die Kronzeugin sagte, unwahr sei“. Die Vorsitzende der seit 36 Jahren das Gewerbe begleitenden Beratungsstelle „verliert langsam den Glauben an solche Institutionen.“

Weiter ermittelt

In der Zwischenzeit mahlen die Mühlen der Justiz weiter. Noch wurden nicht alle Zeugen vor Gericht gehört. Nach Medienerkenntnissen steht derzeit noch die Aussage des Beamten aus, der das Artemis in der Vergangenheit betreute. Oder mit den Worten von Martin Steltner, dem Pressesprecher der Staatsanwaltschaft: „Die Ermittlungen dauern an.“

Christina Praus, Bild: imago/Petra Schneider