Letzte Ruhe neben pulsierendem Leben

Spaziergang: Dieser Friedhof in Tegel ist ein Stück Russland zwischen Autobahn und Gewerbegebiet.

Ein verwunschener Ort mitten im Gewerbegebiet: Der russisch-orthodoxe Friedhof in der Tegeler Wittenstraße liegt eingezwängt zwischen Stadtautobahn, Autowaschanlage und Supermärkten. Als er vor 120 Jahren entstand, war hier noch freies Feld. Doch heute umtobt pulsierendes Leben das zwei Hektar große Areal.

Ferne Vergangenheit

Friedhöfe, sagt man, bergen das Geheimnis der Zeit, die vor uns war. Sobald man das Eingangstor durchschritten hat, wähnt man sich zurückversetzt in eine ferne Vergangenheit. Am Ende einer Allee thront genau in der Mitte der quadratischen Anlage die St.-Konstantin-und-Helena-Kirche – eine kleine Nachbildung der Moskauer Basilius-Kathedrale. Die fünf Zwiebelkuppeln mit ihren Andreaskreuzen glänzen in der Maisonne. Unter schattigen Bäumen liegen aufwändig gestaltete Marmorgräber mit Porträtfotos der Verstorbenen einträchtig neben solchen mit einfachen Holzkreuzen. Das weiße Andreaskreuz mit dem typischen Schrägbalken auf efeubepflanzten Grabhügeln ist allgegenwärtig.

Heimatlicher Boden

Man läuft auf russischer Muttererde – insgesamt 4.000 Tonnen, 1894 in vier Eisenbahnzügen nach Berlin geschafft. Die Gläubigen sollten, so verfügte es Zar Alexander III, in Heimaterde bestattet werden. Damals gab es eine große russische Gemeinde in Berlin, doch ein eigenes Gotteshaus, geschweige denn einen eigenen Friedhof, besaßen die orthodoxen Gläubigen nicht. Das änderte sich erst, als einflussreiche Persönlichkeiten 1892 das Grundstück in Tegel erwarben, die Kirche – nach Plänen eines deutschen Architekten – errichteten und den Friedhof anlegten.

Spender erhofft

Nach dem Ende des Zarenreiches fanden hier vor allem Emigranten des russischen Hochadels, berühmte Künstler, Architekten, Diplomaten und Intellektuelle ihre letzte Ruhestätte. Die Jahre nach dem zweiten Weltkrieg waren geprägt von finanziellen Nöten, Streit um die Grundstücksrechte und Verfall der Grabstätten. „Erst seit den 90-er Jahren hat sich die Gemeinde so weit erholt, dass regelmäßige Gottesdienste und Feiern wieder möglich sind“, sagt Erzpriester Sergej Silaganov, der der Gemeinde seit 17 Jahren vorsteht. „Derzeit haben wir etwa 100 Mitglieder.“ Natürlich wünschte er sich mehr, wie auch mehr Spender für die Instandhaltung der an vielen Stellen maroden Kirche. Einmal im Monat zelebriert er ein Begräbnis nach den Bräuchen russisch-orthodoxer Liturgie.

Einzigartiger Platz

Dieser Friedhof ist der einzige seiner Art in Berlin. Ein verwunschener und doch ein „lebendiger“ Ort, an dem fröhliche Kirchenfeste ebenso begangen werden wie traditionelle Beisetzungen. Ein kleines Stück Russland zwischen Autobahn und Gewerbegebiet.

Text+Bild: Jürgen Zweigert