Hand aufs Herz statt Hand in Hand

Eklat: Imam aus dem Wedding zeigt Lehrerin aus Pankow an, weil sie beim Elterngespräch auf eine Begrüßung per Handschlag bestand.

Eine Lehrerin möchte zu einem offiziellen Elterngespräch den Vater mit Handschlag begrüßen – der verweigert das, weil er Frauen aus religiöser Überzeugung grundsätzlich keine Hand gibt. Dieser Vorgang an der Platanus-Schule in Pankow hat über Berlin hinaus Wellen geschlagen, auch weil Lehrerin und Vater den Streit eskaliert haben: Die Pädagogin brach das Gespräch ab, der Mann hat Strafanzeige wegen Beleidigung und Verletzung der Religionswürde gestellt.

Hand aufs Herz

Über den Fall hatte der RBB vergangene Woche erstmals berichtet. Vater Kerim Ucar ist Imam (Vorbeter) der Cafer-Sadik-Moschee im Wedding. Er stammt aus der Osttürkei, lebt aber schon seit 15 Jahren in Berlin und spricht mehrere Sprachen – nur kein Deutsch. „Ich habe der Lehrerin mehr Respekt gezollt als mit Händschütteln“, wird der Imam im Fernsehen übersetzt. Hand auf Herz, Lächeln, in die Augen schauen – das alles sei die maximale Ehrerbietung eines Mannes gegenüber Frauen, so wie es die islamische Religion erlaube. Die Lehrerin dagegen fühlte sich offenbar diskriminiert, weil ihr der respektvolle Handschlag verweigert wurde – nur weil sie eine Frau ist. Nach Aussage des Imams soll sie viermal und lautstark auf die Handreichung bestanden haben. Dadurch fühlen sich nun wiederum Kerim Ucar und seine Ehefrau Dilek beleidigt, was zur Anzeige führte. Ihre Kinder hat das Ehepaar inzwischen aus der Privatschule abgemeldet.

Kein Dogma

Der Islam schreibt kein Frauenbild vor, zu diesem Schluss kommt Professor Harry Harun Behr, Islamwissenschaftler in Frankfurt: „Er überlässt der Gesellschaft die Verantwortung, Geschlechterrollen auszuhandeln.“ Das entwickle sich in patriachalichen Strukturen immer zu Lasten der Frauen.

Kontroverse Debatte

Die öffentliche Debatte ist zwiespältig. Neuköllns Bürgermeisterin Franziska Giffey (SPD) unterstüzt die Lehrerin: „Sie ist nicht in erster Linie Frau.“ Im Zusammenhang mit dem Elterngespräch sei die Lehrerin eine „Erziehungs- und Respektperson“. Ihr Stellvertreter Falko Liecke (CDU) wird noch deutlicher: „Der verweigerte Handschlag zeigt ein Verständnis des Verhältnisses von Mann und Frau, das unserer Gesellschaft und unseren gemeinsamen Werten vollkommen widerspricht.“ Dahinter stecke ein Menschenbild, nach dem bestimmte Menschen weniger wert seien.

Der Integrationsbeauftragte des Berliner Senats dagegen sieht ein Fehlverhalten der Lehrerin: „Das Gespräch mit Eltern kann nur versagt werden, wenn keine Gesprächsbasis besteht. Das war hier nicht der Fall“, sagt Andreas Germershausen und empfiehlt einen entspannteren Umgang mit „unterschiedlichen Gepflogenheiten“, die sich aus den Religionen ergeben.

Keine eindeutige Regel

Allerdings verbietet der Islam keineswegs den Handschlag zwischen Frauen und Männern eindeutig. In Islamabad, Kairo und Indonesien etwa sei das gar kein Thema, erklärt Professor Harry Harun Behr, Islamwissenschaftler an der Universität Frankfurt. „Mohammed hat im Koran eben auch gefordert, sich den ortsüblichen Sitten und Gebräuchen anzupassen und Affronts, wie nun in Berlin provoziert, zu vermeiden.“

Das Handschlags-Verbot gilt Islam-Kennern nur als eine sehr strenge, überaus alte und patriachalische Auslegung: Deren Anhänger sehen in jeglicher Berührung von fremden Frauen eine Versuchung – sozusagen die erste Form der Unsittlichkeit.

Lob für Khomeini

In dieser Tradition steht offenbar auch Kerim Ucar. Sein Arbeitsplatz, die Cafer-Sadik-Moschee in Wedding, galt dem Verfassungsschutz mal als Anlaufpunkt für radikale Hisbollah-Aktivisten. Und Kerim Ucar soll Ayatotollah Khomeini bei einem Besuch im Iran vor einiger Zeit gelobt haben: „Die Menschen haben durch diese großartige Persönlichkeit gesehen, was für eine schöne Gesellschaft der Koran schaffen kann.“ Nun gilt der Iran nicht gerade als Vorbild für Religionsfreiheit und demokratische Gewaltenteilung. Grundsätze, auf die sich Kerim und Dilek Ucar in Berlin jetzt mit der Anzeige bei der deutschen Justiz wegen „Verletzung der Religionswürde“ ganz zulässig berufen. „Das Gesetz in diesem Land gilt für alle, doch die Kultur ist jedem selbst überlassen“, ist das Ehepaar überzeugt.

Das sagen Andere

Imam Said Ahmad Arif von der Khadija Moschee in Pankow

CR_LVS_S2_ArifDie Verweigerung des Händedrucks ist nicht respektlos, sondern als Schutz der Intimsphäre des anderen Geschlechts gemeint. Es bleibt aber eine private Entscheidung jedes Einzelnen.

Franziska Giffey (SPD) Bezirksbürgermeisterin Neukölln

CR_LVS_S2_GiffeyDie Lehrerin ist Vertreterin des deutschen Staates. Sie verdient es, dass ihr der
Respekt entgegengebracht wird, der in diesem Land üblich ist. Und der beginnt nun mal bei einem gemeinsamen Gespräch mit dem Handschlag.

Andreas Germershausen Integrationsbeauftragter des Berliner Senats

CR_LVS_S2_Germershausen_NEUIn einer Gesellschaft mit vielen Religionen sollten wir entspannt mit den unterschiedlichen Gepflogenheiten umgehen und nicht auf nur einer Umgangsform beharren.

Falko Liecke (CDU) stellv. Bürgermeister Neukölln

CR_LVS_S2_LieckeMan soll sich im gegenseitigen Respekt begegnen. Dazu gehört bei uns ein Handschlag – auch zwischen Männern und Frauen. Archaische Traditionen verhindern Integration und sind mit unserer Leitkultur nicht vereinbar.

Klaus Bartels, Autor beim Berliner Abendblatt

Klaus Bartel hat unter Absurder Aberglaube einen Kommentar zum Thema verfasst.

 

Klaus Bartels und Michael Hielscher / Titelbild: RBB / Bilder: Nils Michaelis/Falko Liecke