Autobahn verlagert

Kurt-Schumacher-Quartier: Urbanes Leben für 10.000 Menschen geplant – aber noch mit Lücken.

Der letzte TXL-Flieger knipst das Licht fürs Kurt-Schumacher-Quartier an. Wann das sein wird, hängt davon ab, wann der erste Flieger vom Flughafen am südlichen Ende der Stadt starten kann. Sechs Monate nach seiner Inbetriebnahme macht Tegel dicht. Garantiert nicht vor 2018, und dann auch eher Ende des Jahres. Also könnte hier frühestens 2019 das Bauen beginnen. In dieser Situation macht es eigentlich wenig Sinn, über urbanes Leben nachzudenken, während die Flieger in greifbarer Höhe dahindonnern und ein lautes Stück Stadtautobahn das Gelände durchschneidet. Doch reale Träume sind erlaubt, und sie bekamen jetzt Gestalt: Der Senat kürte den Sieger für die Gestaltung des Kurt-Schumacher-Quartiers (KSQ), mit das größte Wohnungsbau-Projekt der Stadt.

Nach Plänen des Dortmunder Architektenbüros „scheuvens + wachten“ und der Nürnberger „W6F-Landschaftsarchitekten“ entstehen auf dem 48 Hektar großen Areal zwischen östlichem TXL-Gelände und Kurt-Schumacher-Platz rund 5.000 Wohnungen für 10.000 Menschen; zwei mehrzügige Schulen, Kitas für 500 Kinder, Einzelhandel und Gewerbe sind geplant. Ein großzügiger Stadtpark und viel Grün in den Straßen werten das Quartier ökologisch auf. Der Clou ist das Verschwinden der A111 auf diesem Stück Reinickendorf und – nach nördlicher Verlagerung – ihr Umbau zu einem 32 Meter breiten städtischen Boulevard, der von der Tunneleinfahrt TXL bis zum Kapweg reicht. Das innovative Stadtquartier wird mehr als eine Milliarde Euro kosten. Doch die Mieten sollen moderat bleiben, weshalb landeseigene Gesellschaften die Hälfte der vier- bis fünfgeschossigen Häuser bauen; davon knapp ein Drittel Sozialwohnungen zu 6,50 Euro Kaltmiete pro Quadratmeter. Die anderen 2.500 Wohnungen errichten Genossenschaften und private Bauträger; auch sie sind verpflichtet, 25 Prozent als Sozialwohnungen anzubieten.

Ein Stück Zukunft, das auf Grundlage dieser Pläne nun detaillierter angepackt wird. „Damit beginnt die eigentliche Arbeit“, sagt Reinickendorfs Bürgermeister Frank Balzer (CDU), der etlichen Nachbesserungsbedarf sieht. So vermisse er im Entwurf die Senats-Zusage, die Sportflächen am Uranusweg nicht zu bebauen. „Die Sportplätze werden von Schulen, Vereinen intensiv genutzt. Ihre Erhaltung war uns zugesagt worden. Das muss sich in den weiteren Planungen niederschlagen“, fordert Balzer. Es müsse verhindert werden, dass Wohnsilos und Betonburgen mit wachsenden sozialen Problemen entstehen. Deshalb brauche das KSQ – so Balzer – ausreichend Frei- und Grünflächen, Spielplätze, attraktive Schulplätze mit genügend Hofflächen.

Jürgen Zweigert