Jeder liebt wen er will

Kriminalität: Mit einem Konzeptpapier verschärft der Bezirk den Kampf gegen homophobe Gewalt.

Es sollte ein netter Abendspaziergang werden, doch für ein schwules Pärchen nahm der Ausflug in der Motzstraße vergangenen Herbst ein unschönes Ende: Als einer der Männer seinen Partner umarmte, kam ein 31-Jähriger auf die Beiden zu, beleidigte und bespuckte sie. Einen der Männer schlug er sogar ins Gesicht, rang ihn zu Boden und trat auf ihn ein – der 39-Jährige musste ambulant in einem Krankenhaus behandelt werden. Fälle wie diese sind typisch für homophobe Gewalt, gerade auch in Tempelhof-Schöneberg: Weil hier, insbesondere im Szenekiez um den Nollendorfplatz, eine der größten homo- und transsexuellen Communities in Europa lebt, gilt er als der „Regenbogenbezirk“ Berlins. Zugleich werden hier aber auch die meisten Übergriffe gegen lesbische, schwule, bi-, trans-, und intersexuelle Menschen (LSBTI*) gezählt. 44 Prozent der Meldungen kamen von hier, heißt es im letzten Bericht des Anti-Gewalt-Projektes „Maneo“. Vergangenes Jahr stellte die CDU-Fraktion im Bezirksparlament deshalb einen Antrag, ein strategisches Konzept zu entwickeln. Nun hat der Bezirk ein entsprechendes Handlungspapier „gegen gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit aufgrund der sexuellen Orientierung oder der geschlechtlichen Identität“ vorgestellt, mit dem Homophobie noch besser bekämpft werden soll. Der Bericht verweist zum einen auf die bisherigen, erfolgreichen Aktivitäten des Bezirks, die fortgeführt werden sollen. So unterstützt das Bezirksamt Aktionen wie das Lesbisch-Schwule Stadtfest und im Büro der Bezirksbürgermeisterin Angelika Schöttler (SPD) gibt es sogar einen eigenen Ansprechpartner für das Thema sexuelle Vielfalt. „Die bisherigen Erfahrungen können als durchweg positiv bezeichnet werden, die bereits gute Vernetzung der internen und externen Akteure konnte weiter gestärkt werden“, sagt Schöttler.

Dialog stärken

Zugleich will der Bezirk noch stärker in den Dialog mit „Partnern aus der LSBTI*-Community“ eintreten, heißt es in dem Konzeptpapier. Auf der Agenda steht dabei etwa die Suche nach Formaten, die „sexuelle und geschlechtliche Vielfalt stärker in den Bildungsalltag als selbstverständliche Inhalte zu integrieren und damit die Akzeptanz der Vielfalt sexueller Identität zu fördern.“ Auch in der eigenen Verwaltung soll durch Fortbildungsangebote die Sensibilität der Mitarbeiter für sexuelle Vielfalt erhöht werden. „Als erster Bezirk mit einem „Queer-Konzept“ nimmt Tempelhof-Schöneberg eine Vorreiterrolle ein. Es wäre schön, wenn andere Bezirke hier nachziehen würden“, meint Bezirksbürgermeisterin Schöttler.

Hohe Dunkelziffer

Tatsächlich ist das offene Klima im Bezirk einer der Gründe für die vielen Meldungen homophober Übergriffe – die gleichwohl wenig über die tatsächlichen Fallzahlen aussagen. „Im Hinblick auf homophobe Gewalt gibt es eine überdurchschnittlich hohe Dunkelziffer von 80 bis 90 Prozent“, sagt Maria Tischbier, Ansprechpartnerin der Berliner Polizei für LSBTI*. Wo homosexuelle Menschen etwa durch Händchen halten als solche erkennbar seien, könne es natürlich viel eher zu homophober Gewalt kommen, meint Tischbier, die den Sachverhalt mit einem Handtaschenraub vergleicht, der auch nur dann stattfinde, wenn überhaupt eine Handtasche getragen werde.

„Ich finde es wichtig, wenn Leute solche Taten bei der Polizei zur Anzeige bringen. Wenn in einem Bezirk gar keine Fälle von homophoben Übergriffen in der Statistik auftauchen, macht mich das eher skeptisch“, so Tischbier weiter.

Bewusstsein für homophobe Gewalt

Dass in Schöneberg schon jetzt viele Menschen ein Bewusstsein für homophobe Gewalt haben, wurde auch an jenem Herbstabend deutlich, an dem das schwule Pärchen in der Motzstraße attackiert wurde: Einige Passanten eilten den Angegriffenen zur Hilfe, während andere Passanten den flüchtenden Täter bis zum Eintreffen der Polizei festhielten.

Philip Aubreville, Bild: imago/Gerhard Leber