Ermittler in Beweisnot

Kriminalität: Warum das Bordell „Artemis” auch anderthalb Monate nach der Razzia noch geöffnet ist.

Gesprungen wie ein Tiger, gelandet wie ein Bettvorleger

Genau so empfinden viele das, was bisher herauskam bei der Razzia in Berlins größtem Bordell „Artemis“ in Charlottenburg. Denn das Geschäft mit der Lust geht bisher scheinbar unbeeindruckt weiter.

Wie angestellt

Bezirksamt und Staatsanwaltschaft weisen sich die Verantwortung dafür gegenseitig zu. Martin Steltner, Sprecher der Generalstaatsanwaltschaft, kann den öffentlichen Unmut nachvollziehen: „Doch wir haben mit einer eventuellen Schließung des Betriebes nichts zu tun. Dies gehört in die Zuständigkeit des Bezirks.“ Charlottenburg-Wilmersdorfs Bürgermeister Reinhard Naumann (SPD) erklärt, Kräfte seines Ordnungsamtes seien am Einsatz nicht beteiligt gewesen. Die Ermittler der Polizei hatten zu entscheiden, ob die Voraussetzungen für eine Schließung vorliegen. Es habe sich als richtig herausgestellt, dies nicht zu tun, betonte Stadtrat Marc Schulte (SPD). Offenbar mangelte es an stichhaltigen Argumenten und Beweisen. 900 Beamte der Polizei, der Staatsanwaltschaft, der Steuerfahndung und des Zolls waren Mitte April im Einsatz. Straftaten wie Schwarzarbeit, Menschenhandel und Steuerhinterziehung werden vermutet.

Bei der Befragung von bisher 90 Prostituierten seien Indizien für eine Scheinselbstständigkeit gesammelt worden. Die Staatsanwaltschaft schätzt den Schaden auf 17 Millionen Euro. Angeblich „freiberuflich“ arbeitend, habe sich herausgestellt, dass die Damen feste Arbeitszeiten hatten, Eintritt zahlen mussten, Zimmer zugewiesen bekamen, einer Kleiderordnung unterlagen sowie vom Bordell ärztlich versorgt wurden. Faktisch wie Angestellte, schlussfolgert Steltner.

Weiter sammeln

Um das „Artemis“ tatsächlich schließen zu können, müsste das Ordnungsamt die „fehlende gewerberechtliche Zuverlässigkeit der Gewerbetreibenden beweisen. So weit ist es noch nicht. Die beiden in U-Haft sitzenden Betreiber hätten auf ein Schreiben geantwortet und gehen ihrerseits juristisch gegen die Staatsanwaltschaft vor. „Zu reißerisch, zu offen und stark vorverurteilend“, sei deren Öffentlichkeitsarbeit.

mh, Bild: Archiv/imago/Petra Schneider