Praxistest für die Emotionen

Interkul-Tour: Präventionsprojekt in Pankow setzt sich mit „Flucht und Fremdsein“ auseinander.

Kraftvoll und doch leicht erfüllt die Bach‘sche d-Moll-Toccata das Rund der Gethsemanekirche. Gebannt lauschen Jugendliche dem Orgelspiel von Oliver Vogt. Ein wichtiges Kulturerlebnis für die Mädchen und Jungen. Später diskutieren sie mit Pfarrerin Jasmin El-Manhy die Entstehung der Religionen; Jugendwart Paul Beutel schildert aus eigenem Erleben die Rolle der Gethsemanekirche in den schicksalhaften Oktober- und Novembertagen 1989, als hier wie andernorts der Untergang der DDR eingeläutet wurde…

Geschichtsstunde live

Es ist der vierte Tag der „Interkul-Tour“ – einer Projektwoche, in der sich Schüler des Pankower Heinrich-Schliemann-Gymnasiums und des Oberstufenzentrums (OSZ) Gastgewerbe „Brillat Savarin“ mit dem Thema „Flucht und Fremdsein“ auseinandersetzen. Die Zehntklässler erleben unmittelbar, dass Menschen auf der Flucht nicht irgendwo weit weg, sondern plötzlich auch in Pankow sind. Die Turnhallen beider Lehrstätten sind Flüchtlings-Notunterkünfte; mit der Einrichtung von „Willkommensklassen“ wurde es enger in ihren Schulen. Das sorgt für häufig kontroverse Diskussionen und die bange Frage, wie sich damit das Leben, der Bezirk, der Alltag verändern werden. Federführend initiiert von Uta Novakovic, Polizei-Hauptkommissarin und Präventionsbeauftragte, und ihrem Kollegen Frank Steinhardt, begeben sich die Schulklassen fünf Tage auf eine interkulturelle Entdeckungstour durch den Bezirk. Uta Novakovic: „Erst mit der emotionalen Begegnung vor Ort können Einsichten und Empathie wachsen, damit Fremdes nicht als bedrohlich empfunden wird.“ Zudem kommen hier Jugendliche aus ganz unterschiedlichen Klassen zusammen – „eingefleischte“ Prenzlberger Gymnasiasten treffen auf Migrantenkinder einer „Willkommensklasse“ des OSZ. Auch das ist bereits eine spannende Geschichte, zu erleben, wie sich Schüler verschiedener Kulturkreise während dieser
Woche annähern.

Erfolgreiches Konzept

Vor ihrem Besuch der Gethsemanekirche hatten die Schüler in der Khadija Moschee der Ahmadiyya Muslim Jamaat in Heinersdorf von der Friedfertigkeit, den Werten und dem Frauenbild des Islam erfahren. Im Wat Buddhavihara-Tempel Pankow meditierten sie gemeinsam mit Nonnen und Mönchen und diskutierten über Gewalt in der Gesellschaft. Ein Nachmittag im Mauerpark vermittelte anschaulich die Jahre der deutsch-deutschen Teilung. Rollenspiele und Gruppenworkshops – u.a. zur Gewaltprävention – unter Anleitung des Theaterpädagogischen Zentrums vermittelten den Schülern einmal mehr Selbstbewusstsein und Selbstbehauptung. Uta Novakovics Resümee: „Kein runder Tisch kann das leisten. Nicht nur die Schüler selbst, letztlich profitieren wir alle davon.“ Deshalb hofft sie auch für das nächste Jahr wieder auf Vereine und Sponsoren – wie den Lionsclub Wannsee -, die dieses wichtige Präventionsprojekt unterstützen.

Text & Bild: Jürgen Zweigert