Reinickendorf beschleunigt seine Bauverfahren

Kurt-Schumacher-Quatier: Betonsiedlung statt lebendig-liebenswerter Kiez?

Berlin wächst: Im nächsten Jahrzehnt müssen jährlich etwa 20.000 Wohnungen gebaut werden, um den Zuwachs von derzeit 3,6 auf dann rund vier Millionen Einwohnern abzufedern. Zwölf neue Stadtquartiere mit etwa 50.000 Wohnungen sind geplant; in ihnen sollen dann 100.000 Menschen leben. Eines der größten entsteht nach Einstellung des Flugbetriebs auf 48 Hektar am östlichen Rand des Flughafens Tegel in Reinickendorf – das Kurt-Schumacher-Quartier mit 5.000 Wohnungen, zwei Grundschulen, 600 Kita-Plätzen und Freizeiteinrichtungen.

Boom willkommen

Baustadtrat Martin Lambert (CDU) freut sich – einerseits – über den Bauboom im grünen Bezirk. „Da unsere eigenen Flächen erschöpft sind, müssen wir wirklich alle Reserven nutzen“, sagt er. Am Tegeler S-Bahnhof, auf der Humboldt-Insel, an der Neptunstraße habe der Bezirk für konkretes Bauen bereits Nägel mit Köpfen gemacht; an anderen Orten – wie etwa Cité Foch, früheres Bahngelände Hermsdorf, Cité Pasteur – liefen Gespräche und Planungen. Insgesamt entstünden auch hier einige Tausend Wohnungen in überschaubaren Quartieren, die mit ihrer soliden Infrastruktur eine sozial ausgewogene Mieterstruktur ermöglichten.

„Dank unseres sehr aktiven Bauberatungszentrums erfahren Eigentümer und Investoren alles Notwendige aus einer Hand, was die Genehmigungsverfahren deutlich beschleunigte“, sagt er. 2015 wurde der Bau von 633 Wohnungen genehmigt; bis März 2016 waren es rund 230. Zugegeben, vergleichsweise weniger als in anderen Stadtbezirken, aber „unterirdisch“ sei dies nicht, wie Bausenator Andreas Geisel (SPD) im Vorjahr monierte. „Reinickendorf ist weitgehend bebaut. Wir wollen keine Betonwüsten, Neugebautes muss sich sensibel in Bestehendes einfügen, es muss zum alten Kiez passen. Kleingärten, Grünflächen, Parks sind tabu“, begründet Lambert.

Überdimensionierte Betonsiedlung

Auch deshalb blickt Martin Lambert – andererseits – skeptisch auf den Bau großer Viertel. Überschaubar, ein verträglicher Mietenmix, sozial ausgewogen – das sind ihm wichtige Kriterien. Das sehe er in den aktuellen Senatsplänen für das Schumacher-Quartier nicht. „Natürlich ist das TXL-Gelände eine riesige Chance für uns, bezahlbaren Wohnraum in lebendigen Kiezen zu schaffen. Doch hier entsteht eine überdimensionierte Betonsiedlung ohne Anbindung. Soziale Konflikte sind programmiert“, befürchtet er. Zumal der geplante benachbarte riesige Technologiepark die Spannungen zwischen Anwohnern und Gewerbe noch verschärfen dürfte. Wie auch die derzeit geplante Straßenführung – praktisch schneidet sie das Viertel vom Umland ab – müsse deshalb manches nochmals auf den Tisch.

Einen ersten Erfolg gibt es bereits: Der Senat verzichtet darauf, die großen Sportplätze zwischen U-Bahnhof Scharnweberstraße und Uranusweg zugunsten des Wohnungsbaus und auf Kosten der Schulkinder und des Vereinssports zu verlegen. Stattdessen wird nun ein Teil des Wohnquartiers nach Westen, auf das TXL-Gelände verschoben. „Es geht also doch“, ist Martin Lambert optimistisch und dringt auf weitere Senats-Signale, die helfen, aus dem Kurt-Schumacher-Quartier einen lebendigen, liebens- und lebenswerten Kiez zu machen.

Jürgen Zweigert / Bild: BA Reinickendorf