Musizieren ist Hoffnung

Engagement: Profimusiker Demetrios Karamintzas übt mit Flüchtlingskindern.

Es quietscht und pfeift so laut, dass man sein eigenes Wort nicht verstehen kann. Der Flötenunterricht in der ASB-Notunterkunft Alt-Moabit startet chaotisch. Doch Demetrios Karamintzas bringt die Kinder in Kürze dazu, ihren Instrumenten richtige Töne zu entlocken. Die Zahl der Teilnehmer ist immer unterschiedlich, erklärt Demetrios. „Manchmal kommen nur zwei und manchmal sind wir 30.“ Heute sind sechs Kinder gekommen. Sie sitzen in einer Reihe im großen Kinderzimmer der Notunterkunft. Vor ihnen steht Demetrios, den hier alle einfach nur „Taki“ nennen. Mit schier unbegrenzter Geduld, Energie und Freude ermahnt Taki die Kleinen immer wieder, nur dann zu spielen, wenn sie dürfen. Taki verfügt über zwei Eigenschaften, von denen er hier besonders profitiert: Erfahrung und Sprache. Taki gibt schon seit mehr als zehn Jahren Musikunterricht für Kinder. Er selbst spielt seit acht Jahren die Oboe im Jerusalem Symphonie Orchester. Für die Stiftung der Barenboim-Said Akademie Berlin hat er 2004 geholfen, ein Jugendorchester in Palästina aufzubauen. „Heute gibt es dort drei Jugendorchester, die sehr erfolgreich laufen“, freut Taki sich. Takis größte Stärke sind vermutlich seine Sprachfähigkeiten. Er spricht fließend Griechisch, Deutsch und Englisch. In Palästina lernte er Arabisch sprechen. Für seine Arbeit mit dem Afghanistan National Institute of Music hat er sogar Dari gelernt. Die offizielle Unterrichtssprache ist selbstverständlich Deutsch. Doch ab und zu ein Wort auf Arabisch oder Persisch/Dari kann sehr hilfreich sein, um für Ordnung zu sorgen. Und wenn eines der Kinder sich gar nicht benehmen will? Taki verrät seine Strategie mit einem Lächeln: „Am meisten bringt es, wenn ich mit den Eltern spreche oder es auch nur androhe.“

Im Herbst 2015 hat Taki begonnen, in der ASB-Notunterkunft in Alt-Moabit Musikunterricht zu geben. Er ist damals einfach spontan vorbeigegangen und hat die stellvertretende Heimleiterin Kirstin Frohnapfel inklusive der Bewohner zu einem „Klassik in Moabit“ Konzert in die Sankt-Johannis-Kirche eingeladen. Daraus entwickelte sich fast von alleine die Idee zum Musikunterricht in der Unterkunft. Seit gut einem Monat gibt Taki auch in der ASB-Gemeinschaftsunterkunft Zehlendorf Musikunterricht. Hinter den Musik-Workshops steht der frisch gegründete Verein ‚MitMachMusik‘.

Seit einiger Zeit begleitet Sylvie Paycha Taki in die Notunterkunft. Sie spielt mit großer Freude Flöte in ihrer Freizeit. Und als sie hörte, dass Taki Unterstützung braucht, kam sie einfach mit. Sylvie kümmert sich jetzt um die kleineren Jungs, und Taki übt mit der neunjährigen Nadine kleine Tonabfolgen. Taki verspricht Nadine: „Wenn du noch etwas mehr spielen kannst, schenke ich dir deine eigene Flöte.“ Das Strahlen in Nadines Augen sagt mehr, als Worte es könnten. Takis Ziel ist es, ein Flüchtlingsjugendorchester und einen Tandemchor (aus Alt- und Neu-Berlinern) aufzubauen. Das bedeutet, dass er zukünftig noch häufiger in den ASB-Unterkünften anzutreffen sein wird. Klassik in Moabit ist Demetrios Karamintzas Konzertreihe in der Sankt-Johannis-Kirche in Berlin-Moabit. Geflüchtete Menschen und Ehrenamtliche sind zu den Konzerten grundsätzlich kostenlos eingeladen. Am 8. Mai findet ein großes Benefizkonzert mit dem Namen „Wir Sind Berlin“ statt. Einige Bewohner der Notunterkunft Alt-Moabit werden dort ein bis zwei Stücke zusammen mit professionellen Musikern spielen.

Text und Bild: Julian Thiel