Razzia im Großbordell

Kriminalität: Großrazzia in Berlins größtem Bordell „Artemis“.

900 Fahnder haben das Artemis, Berlins größtes Bordell, gestürmt. Es geht um Schwarzarbeit, Steuerhinterziehung, Zwangsprostitution und Gewaltanwendung. Eine Kronzeugin hat über Interna in dem Rotlicht-Unternehmen ausgesagt.

Ein Erfolg für die Polizei, denn „wir haben im Haus alle Personen gefunden, die wir gesucht haben“, sagt Sprecher Stefan Redlich. Polizeibeamte, Zollinspektoren, Steuerfahnder und Staatsanwälte hatten kürzlich Berlins größtes Bordell gestürmt. Anlass war der Verdacht auf Schwarzarbeit, Steuerhinterziehung, Menschenhandel, Gewaltanwendung und Beziehungen zum Rockermilieu, insbesondere zu den Hells Angels. Die etwa 900 Beamten trafen im „Artemis“ auf 232 Personen, 118 von ihnen arbeiteten.

Kronzeugin spricht

Begonnen hatte alles mit der Aussage einer misshandelten Prostituierten. Simone Wiegratz von der Prostituiertenberatungsstelle „Hydra e.V“ zollt der Kronzeugin großen Respekt, denn „diese hat außergewöhnlichen Mut angesichts der Umstände bewiesen.“ Sie findet, dass die Polizei ihre Arbeit gemacht hat, denn „bei dem Laden war nicht alles so freiwillig, wie es sein sollte“. Sie vermutet gewalttätige Strukturen, geprägt von psychischem und physischem Druck. Seit 35 Jahren gehen die Beraterinnen in Bordelle, Massagesalons, Studios, Laufhäuser, Bars und Wohnungen, um bei Fragen zur Stelle zu sein. Ins „Artemis“ durften sie nicht. Nach Schätzung des Vereins arbeiten in Berlin etwa 6.000 bis 8.000 Frauen in dem Gewerbe, „mehr als die Hälfte in Wohnungsbordellen“. Verteilt auf ganz Berlin gibt es 600 bis 800 bordellartige Betriebe. Die kleinen Läden befinden sich oft in Frauenhand, die „Großbetriebe werden von Männern geführt.“ Auf der Straße arbeitet „nur ein geringer Anteil“. Dort findet man nicht die „klassischen Opfer von Menschenhandel“, wie Monika Nürnberger, Leiterin des Prostituierten-Kontaktladens „Olga“ in einem Zeitungsartikel formulierte. „Die werden in Bordellen eingesperrt.“

Anmeldepflicht geplant

CR_LVS_TE_16_S3Seit Jahren versuchen Politik und Polizei, dem Problem Herr zu werden. Laut dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend ist die „freiwillige Ausübung der Prostitution durch Erwachsene“ seit langem zulässig. Das seit 2002 geltende Prostitutionsgesetz garantiert zudem, den Anspruch auf Bezahlung. Außerdem können sich die Prostituierten nun regulär in den Kranken-, Arbeitslosen- und Rentenversicherungen versichern. Ein aktueller Gesetzesentwurf, genannt Prostituiertenschutzgesetz, geht weiter. Angedacht ist eine Anmeldepflicht für Prostituierte und ein sogenannter “Hurenausweis”. Hydra ist dagegen. Ignoriert werde die Scham vor Outing und Stigmatisierung. Illegal arbeitende Prostituierte würden weiterhin illegal arbeiten. Aufsuchende Beraterinnen könnten Hilfe bieten. Dies müsste ausreichend finanziert werden. Stattdessen werden die Huren laut Simone Wiegratz von Hydra „alle ans Licht gezerrt, womit man sie ins Dunkel treibt“.

Bei der jüngsten Razzia wurden 96 Prostituierte als Zeugen befragt. Festgenommen wurden nach Polizeiangaben ,„zwei Männer und vier Frauen“. Die sichergestellten Unterlagen seien so umfangreich, dass eine Auswertung Monate dauern wird. Ob das „Artemis“ geschlossen wird, ist noch nicht entschieden. Am Morgen nach der Razzia war es geöffnet.

Christina Praus / Bild: Thinkstock/iStock/Stadtratte