Wenn Bioläden Spielhallen ersetzen

Wenn das soziale Geichgewicht aus den Fugen gerät.

Auch Stephan von Dassel kennt das Problem. Mittes grüner Stadtrat für Soziales und Bürgerdienste lebt im Sparrplatzkiez und musste auch schon miterleben, dass aus seinem Haus mehrere Migrantenfamilien aus- und dafür Studenten eingezogen sind.

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Bahnhof Gesundbrunnen

Die nicht nur für ihn sichtbare Folge: Wo früher Spielhallen waren, entstünden nun die ersten Bioläden. Diese an sich gar nicht schlechte Entwicklung hat aber einen ernsten Hintergrund. Immer mehr alteingesessene Menschen können sich die steigenden Mieten im Wedding, in Gesundbrunnen oder in Moabit nicht mehr leisten und werden gezwungen, in Außenbezirke wie Reinickendorf, Spandau und Marzahn-Hellersdorf oder in Wohnquartiere zu ziehen, die durch ihre Nähe zu Einflugschneisen oder Stadtautobahnen von starken Umweltbelastungen gezeichnet sind. Von Dassel befürchtet, dass diese Entwicklung zu tristen Vorstadtsiedlungen führt, wie sie etwa in Paris zu finden sind. Um das zu verhindern, schlägt der Sozialstadtrat vor, dass es bei Transfer- oder Hartz IV-Beziehern künftig keine Wohngeld-Obergrenzen mehr geben solle, sondern diese dem jeweiligen Mietniveau angepasst werden. Hintergrund der Forderungen von Dassels ist das aktuelle Monitoring Soziale Stadtentwicklung, das jetzt von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt vorgelegt wurde. Eine wichtige Erkenntnis: Der Anteil der Menschen, die trotz regelmäßiger Arbeit Transferleistungen beziehen, ist in Berlin erschreckend hoch. Im Wedding, in Gesundbrunnen und Teilen von Moabit trifft dies auf jeden fünften Bewohner zu. Insgesamt, so ist im Sozialreport zu lesen, sei zwar die Zahl sozial auffälliger Gebiete zurückgegangen, fest steht aber auch, dass sich die Lage vor allem in den äußeren Stadtgebieten verschlechtert hat.

In dem Bericht wird von einer relativen Peripherierung sozialer Ungleichheiten gesprochen. Mittelfristig drohen Banlieues wie in Paris. Hohe soziale Benachteiligungen finden sich unter anderem im Wedding und in Moabit, aber unter anderem auch in Spandau-Mitte, Neukölln-Nord oder Kreuzberg-Nordost.Ein Patentrezept gegen die zunehmende Gentrifizierung kennt Berlins Stadtentwicklungssenator Andreas Geisel (SPD) auch nicht. Zumindest aber kündigte er an, die Zahl neugebauter Sozialwohnungen weiter erhöhen zu wollen. Ab 2018 sollen jährlich 5.000 Wohnungen gebaut werden, die im Schnitt für Mieten von 6,50 Euro pro Quadratmeter angeboten werden sollen. Eine weitere Idee, sozial auffällige Gebiete aufzuwerten, steuert Matthias Brauner bei. Der baupolitische Sprecher der CDU-Fraktion im Abgeordnetenhaus hält Investitionshilfen für Vermieter sinnvoll. Damit könnten Wohnhäuser aufgewertet und attraktiv für Menschen gemacht werden, die den Kiez sonst meiden würden. Das würde für eine gesunde soziale Durchmischung und einer Entwicklung wie in Paris entgegenwirken.

Manfred Wolf / Bild: Imago/PEMAX / Bild: Josephine Klingner/Archiv