Licht und Schatten in Schlachtensee

Chronik: Dirk Jordan erforschte die Rolle der „Bekennenden Kirche“ während der Nazizeit.

Während des Dritten Reiches war der Berliner Südwesten eine Hochburg der Nazis; hier wurde das „erste antisemitische Denkmal“ Deutschlands aufgestellt, wie ein zeitgenössischer Funktionär freudig verkündete. Vor allem in den Kirchen regte sich jedoch auch vereinzelter Widerstand. Während etwa die „Bekennende Kirche“ in Dahlem in diesem Zusammenhang eine gewisse Berühmtheit erlangt hat, war ihre Geschichte in Schlachtensee bisher völlig unerforscht. Der ehemalige Lehrer und Politiker Dirk Jordan (71) hat sie nun aufgearbeitet und seine Erkenntnisse im Jahrbuch des Zehlendorfer Heimatvereins und einer eigenen Broschüre veröffentlicht.

Eine Spurensuche

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Die Johanneskirche vor dem Zweiten Weltkrieg.

Jordan ist in Schlachtensee aufgewachsen und war in der dortigen Kirchengemeinde verwurzelt. Hautnah erlebte er mit, wie sich ein Großteil dieser Gemeinde in den 1960er-Jahren gegen ein Mahnmal stellte, dessen Text auch an die von den Nationalsozialisten ermordeten Juden erinnern sollte. „Damals fing ich an politisch zu denken, das war eine meiner ersten Kontakte zu diesem Thema, das mich ein Leben lang begleitet hat“, berichtet der einstige Kreuzberger Volksbildungsstadtrat. Kurz darauf wurde Jordan vom Thema „Nationalsozialismus“ wieder eingeholt, als er die Jubiläumsfeierlichkeiten der Johanneskirche in Schlachtensee vorbereitete. „Dabei musste ich feststellen, dass die Gemeindegeschichte aus der Zeit nach 1933 große Lücken aufwies. Also habe ich begonnen zu recherchieren.“ Zunächst suchte Jordan nach Spuren ermordeter Juden aus Schlachtensee und beschäftigte sich mit den Menschen, die den Verfolgten halfen. Schließlich befasste er sich mit seiner Heimatgemeinde und stieß auf Personen, die er selbst noch kennengelernt hatte, ohne etwas von ihrer Geschichte zu erfahren.

Rettender Engel

Zum Beispiel auf Hanna Reichmuth. Die Pfarrgehilfin organisierte Bibelkreise und Besuchsdienste und grenzte dabei die Gemeindemitglieder nicht aus, die den Nationalsozialisten und ihren Anhängern innerhalb der Kirchen als „jüdisch“ galten. Als „rettenden Engel“ beschrieb sie auch der Pfarrer Wilhelm Rott in seinen Lebenserinnerungen, nachdem Reichmuth geheime Botendienste für ihn und den Theologen Dietrich Boenhoffer übernommen hatte. Während Boenhoffer, dessen Handlungsspielraum zu dieser Zeit schon stark eingeschränkt war, zu einer der Ikonen des protestantischen Widerstandes gegen den Nationalsozialismus werden sollte, blieb Reichmuths Geschichte lange im Dunkeln. „Bis heute ist ihre Tat kaum gewürdigt worden“, schreibt Jordan in seiner Broschüre „Bekenntnisgemeinde und Nazi-Refugium. Schlachtensee 1933-1945“. Sie ist online und im Buchhandel für zwei Euro erhältlich.

Weitere Informationen finden Sie unter:
www.jordandirk.de

Philip Aubreville / Bilder: W. Ellerbrock / Ev. Kirchengemeinde Schlachtensee